Ohne Mitleid: Angelika W. sieht sich selbst als Opfer ihres Ex-Mannes und Mitangeklagten Wilfried W. - © Wilfried Hiegemann
Ohne Mitleid: Angelika W. sieht sich selbst als Opfer ihres Ex-Mannes und Mitangeklagten Wilfried W. | © Wilfried Hiegemann

Bosseborn-Prozess Angelika W. hat den Gerichtssaal ein letztes Mal als Bühne genutzt

Jutta Steinmetz
15.09.2018 | Stand 14.09.2018, 19:51 Uhr

Höxter/Paderborn. Dass jeder Mensch, der auf der Anklagebank eines Gerichts Platz nehmen muss, das uneingeschränkte Recht auf Gehör hat, ist im Grundgesetz fest geschrieben – welch furchtbare Verbrechen ihm auch vorgeworfen werden. Als am 59. Tag im Bosseborn-Prozess Angelika W. das letzte Wort als Angeklagte ergriff, nutzte sie zum Abschluss noch einmal Saal 205 als Bühne und brachte damit die Nebenkläger an die Grenzen ihrer Geduld. Sigrid Kamisch, ihr Anwalt Roland Weber sowie die anderen Nebenklagevertreter verließen nach fast zwei Stunden den Sitzungssaal. Solange hatte Angelika W. erneut ausführlich über ihre qualvolle Zeit mit Wilfried W. gesprochen. Wie bereits zu Prozessbeginn vor fast zwei Jahren stellte sie sich selbst als geschundenes Opfer dar, das nach und nach von ihrem Mitangeklagten Wilfried W. in die Rolle der brutalen Täterin gedrängt worden sei. "Hat sich nicht ansatzweise mit ihren Taten beschäftigt" Für ihre Verteidiger Peter Wüller und Alexander Strato eine belastende Situation. Wüller hatte noch vor Verhandlungsbeginn versucht, auf seine Mandantin einzuwirken, damit diese auf solche Ausführungen verzichte. Doch vergebens. „Sie hat sich zu 90 Prozent als Opfer dargestellt", stellte Peter Wüller am Ende der Verhandlung resigniert fest. Natürlich sei die 49-Jährige auch Opfer. „Aber diese Ausschließlichkeit in ihrer Darstellung ist nicht angemessen. Aus Sicht der Nebenklage ist es nur sehr schwer zu ertragen, dass sich Angelika W. nicht ansatzweise mit ihren Taten beschäftigt hat." „Unerträglich" seien die Ausführungen gewesen, sagte Sigrid Kamisch, die auch an diesem Tag den Angeklagten gegenübergesessen hatte. Nach wie vor sehe sich Angelika W. als Leidtragende und schiebe die Verantwortung dafür, dass im Bosseborner Saatweg Frauen so sehr gequält und misshandelt wurden, dass zwei von ihnen starben, ihrem Ex-Mann Wilfried in die Schuhe. „Sie hat überhaupt nichts verstanden", sagte die 77-Jährige, deren Tochter Annika W. 2014 unter dem Dach der beiden ihr Leben verloren hatte. Mitleid haben, "das kann ich einfach nicht" Und so fand die Angeklagte, der die Gutachterin Nahlah Saimeh autistische Persönlichkeitszüge bescheinigt hatte, erst sehr spät zu wenigen Worten der Entschuldigung. Mitleid haben, empathisch sein, „das kann ich einfach nicht", sagte sie zum guten Schluss dann doch noch. „Wenn ich das könnte, dann wäre ich zu diesen Taten nicht fähig gewesen." Mit ihren Ausführungen habe sie sich nicht rechtfertigen, sondern erklären wollen, „warum ich so unmenschlich gehandelt habe". Um ein gerechtes Urteil bat Angelika W. ausdrücklich nicht. Das, sagte sie, „kann es nicht geben, denn Annika und Susanne sind tot." Das Schwurgericht wird am 5. Oktober sein Urteil verkünden. Zuvor aber hat an diesem Tag Wilfried W. gleichfalls noch das letzte Wort.

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