Aufmerksam: Nebenklägerin Sigrid Kamisch war an vielen Prozesstagen dabei. Sie saß den Angeklagten gegenüber. - © Wilfried Hiegemann
Aufmerksam: Nebenklägerin Sigrid Kamisch war an vielen Prozesstagen dabei. Sie saß den Angeklagten gegenüber. | © Wilfried Hiegemann

Höxter/Paderborn Was die Mutter eines Opfers nach zwei Jahren Bosseborn-Prozess sagt

Jutta Steinmetz
14.09.2018 | Stand 14.09.2018, 11:43 Uhr

Paderborn/Höxter. Sigrid Kamisch hat Dinge gehört, die unvorstellbar sind. Vor allem für eine Mutter. Sie musste hören, dass ihre Tochter Annika in dem Haus, das als „Horror-Haus" bekannt wurde, psychisch und körperlich gequält wurde. Hören, dass der völlig entkräfteten 33-Jährigen nach einem schweren Sturz keine medizinische Hilfe zuteil wurde und sie starb. Hören, wie der Leichnam ihrer geschundenen Tochter zersägt und im Ofen verbrannt wurde. All das hörte die 77-Jährige nicht im stillen Kämmerlein, in einer Umgebung, in der man den Tränen, der Trauer freien Lauf lassen kann, sondern in der Öffentlichkeit eines Gerichtssaals. Fast durchgehend hat die Berlinerin als Nebenklägerin im Landgericht Paderborn den Bosseborn-Prozess verfolgt, in dem sich Angelika und Wilfried W. wegen Mordes durch Unterlassen verantworten müssen. „Ich bereue nicht, an der Verhandlung teilgenommen zu haben", sagt Sigrid Kamisch. Zu wichtig sei es ihr gewesen zu erfahren, was mit Annika geschehen war im Saatweg 6. "Ich habe gedacht, ich halte das aus" Anfangs sei es etwas aufregend gewesen, als sie mit ihrem Anwalt Roland Weber nach Paderborn reiste. „Ich wusste ja nicht, was mich erwartet." Anfragen der Medien blockte sie erstmal ab. „Ich wollte nichts Falsches sagen, nichts, was noch nicht gesagt werden durfte, was die Arbeit der Justiz gefährdete." Da habe sie lieber Weber das Wort überlassen. Der ist ihr auch ein Schutzschild, vor allem an den Tagen, an denen Angelika W.s unverblümte Schilderungen durch den Saal schallen. Solange Weber neben Sigrid Kamisch sitzt, zügelt die Angeklagte etwas ihre Zunge. Das zeigt sich, als die 77-Jährige einmal allein an einer Sitzung teilnimmt. Da spricht Angelika W. Sigrid Kamisch persönlich an, behauptet, aus Rücksicht böse Wahrheiten über die Tochter zu verschweigen. Doch selbst das kann die Berlinerin nicht aus der Fassung bringen. „Ich habe gedacht, ich halte das aus", sagt sie über all die bedrückenden Ausführungen der Angelika W. Nur selten kommen die Tränen Und so sitzt sie, oft farbig gekleidet, zwischen den Anwälten in ihren schwarzen Roben, den Angeklagten gegenüber. Fast seelenruhig verfolgt sie das Geschehen im Gerichtssaal. Ab und zu macht sie sich Notizen in einem blauen Buch. Zitate von Angelika W. hat sie da aufgeschrieben, notiert, dass Wilfried W. gern „Und haste nicht gesehen" sagt. „Ich habe sogar versucht, Angelika W. zu zeichnen", lächelt Sigrid Kamisch. Ob sie nach Ende des Prozesses jemals wieder einen Blick in das Buch werfen wird, „das weiß ich nicht." Es sind nur wenige Augenblicke, in denen ihre Contenance wankt, sie Tränen aus ihren Augen tupfen muss. Das sind die Augenblicke, wenn einer der Prozessbeteiligten die letzten qualvollen Lebensstunden ihrer Tochter Annika schildert. Als Detlev Binder als erster Verteidiger seinen Antrag stellt und (wie eine Woche später auch Verteidiger Peter Wüller) klar macht, dass seiner Meinung nach für Annika W. jede Hilfe zu spät gekommen wäre und damit niemand bestraft werden dürfe, ist ihr Gesicht wie versteinert. Sollte Angelika schwafeln, wird Sigrid Kamisch gehen Am Ende dieses Verhandlungstages mag die Frau, die im Verlauf des fast zweijährigen Prozesses zu den Medienvertretern ein sehr freundliches, offenes Verhältnis aufgebaut hat, erstmal keinen Kommentar abgeben. Es hat sie augenscheinlich sehr getroffen, dass da jemand die Ansicht vertritt, es sei niemand für den Tod ihrer Tochter verantwortlich zu machen. Sicherlich hat Sigrid Kamisch über das Thema Strafe nachgedacht. „Dass Wilfried und Angelika W. das erleben, was sie den Frauen angetan haben", das fände sie gerecht. Natürlich weiß sie genau, dass so etwas das Gesetz nicht hergibt. Empfindlich sollte die Strafe jedoch schon sein, meint sie. Aber am wichtigsten: „Sie dürfen nicht mehr die Möglichkeit haben, so etwas gemeinsam wieder zu tun." Auch heute wird sie Angelika W. gegenübersitzen, wenn diese ihr letztes Wort spricht. Zieht sich dieses zu sehr in die Länge oder wird es für sie unerträglich, werden Sigrid Kamisch und ihr Anwalt den Saal verlassen. Das hat Roland Weber bereits angekündigt.

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