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Im Gespräch: Die Verteidiger von Wilfried W., Carsten Ernst (v. l.) und Detlev Binder, mit Peter Wüller, der Angelika W. vertritt. - © Wilfried Hiegemann
Im Gespräch: Die Verteidiger von Wilfried W., Carsten Ernst (v. l.) und Detlev Binder, mit Peter Wüller, der Angelika W. vertritt. | © Wilfried Hiegemann

Verteidiger im Bosseborn-Prozess verlangen milde Strafe

Bosseborn-Prozess: Detlev Binder und Carsten Ernst halten die Ausführungen des Staatsanwaltes für falsch. Wilfried W. könne nur für Körperverletzung und versuchten Mord durch Unterlassung bestraft werden

Jutta Steinmetz
07.09.2018 | Stand 12.09.2018, 23:29 Uhr

Paderborn/Höxter. Kaum dass am Mittwoch Oberstaatsanwalt Ralf Meyer im Bosseborn-Prozess für die Angeklagten lebenslange Haft gefordert hatte, sprach der Vorsitzende Richter beruhigende Worte – vor allem in Richtung des intellektuell beeinträchtigten Wilfried W. Das sei, so sagte er, lediglich der Antrag der Staatsanwaltschaft und noch kein Urteil. Sehr gut möglich, dass einen Tag später zumindest bei Wilfried W. die Beruhigung weiter zunahm. Seine Verteidiger lassen nämlich am 57. Prozesstag an den Ausführungen des Anklägers kein gutes Haar. Letztlich, so Detlev Binder, könne sein Mandant nur für eine gefährliche Körperverletzung und einen Fall des versuchten Mordes durch Unterlassen sanktioniert werden. Da sei eine Freiheitsstrafe in Höhe von siebeneinhalb Jahren angemessen sowie die Unterbringung in der Psychiatrie. Zuvor hat sein Kollege Carsten Ernst das Wort. Sofort geht er in medias res. „Ganz stumpf“ habe der Oberstaatsanwalt die Aussagen von Angelika W. zur Basis seines Antrags gemacht und die Persönlichkeit von Wilfried W. völlig außer Acht gelassen. Dabei sei der ein unsicherer Mensch, stehe intellektuell und moralisch auf der Stufe eines Grundschülers und sei stets auf der Suche nach einer Person, an die er sich anlehnen könne. „Er ist ein Mensch, der dringend Hilfe braucht“, sagt Carsten Ernst, um an seinen Kollegen Detlev Binder zu übergeben. Der spricht erst über die Vorverurteilung seines Mandanten in den Medien, um dann Wilfried W. klar von seiner Ex-Frau Angelika W. abzugrenzen. Sie ist für Binder die Haupttäterin, die all die Brutalitäten, denen Annika W. und Susanne F. ausgesetzt waren, zu verantworten habe. Wilfried W. verstehe gar nicht, was Verantwortlichkeit bedeute, wisse nicht, was erlaubt, was verboten sei. Das habe die Gutachterin Nahlah Saimeh „wunderbar“ und „hervorragendst“ herausgearbeitet, sagt er. Ganz reinwaschen will Detlev Binder seinen Mandanten aber nicht. Es sei schon so, dass Wilfried W. einer Zeugin mit einer Schaufel vor den Kopf geschlagen habe – davon zeuge eine Narbe. Dass er sie auch gewürgt habe, wie die Frau der Polizei gesagt hatte, sei aber nicht erwiesen worden. Ein bisschen bricht er später eine Lanze auch für Angelika W. Dass die geschwächte Annika W. durch ihren Sturz Anfang August 2014 lebensgefährliche Kopfverletzungen erlitten hatte, das hätten die Angeklagten erst festgestellt, als sie die Frau am Morgen danach fanden – bereits mit starrem Blick. „Was sollten sie da machen?“, fragt Binder. Es sei zu spät gewesen, einen Arzt zu rufen. Und direkt nach dem Vorfall? Da habe doch selbst die intelligente Angelika W. nicht die Gefährlichkeit erkannt. „Wie sollte dann Wilfried W. das erkennen?“ Einzig im Fall von Susanne F. halten die Verteidiger den Mordvorwurf für gerechtfertigt. Doch sei die Tat als Versuch zu werten. Schließlich sei ja ein Krankenwagen gerufen worden, wenn auch zu spät, um das Leben der Frau zu retten. Das müsse strafmildernd berücksichtigt werden, sagt Binder, ebenso wie die verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten. Apropos Gutachten: Die Verteidiger nutzen die Gelegenheit, um mit der Expertise des ursprünglichen Gutachters Michael Osterheider hart ins Gericht zu gehen. „Grob falsch“ sei es, voller Widersprüche und „fachlich kaum zu gebrauchen“, sagt Binder. Er will beantragen, dass die Kosten der Begutachtung in Höhe von etwa 50.000 Euro nicht seinem Mandanten auferlegt werden. Diese Summe müsste sich die Landeskasse „ans Bein binden“ oder von Osterheider eingefordert werden. Am Dienstag werden die Verteidiger von Angelika W. plädieren.

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