Waren sich einig: Oberstaatsanwalt Ralf Meyer (l.) und Nebenklagevertreter Roland Weber. - © Wilfried Hiegemann
Waren sich einig: Oberstaatsanwalt Ralf Meyer (l.) und Nebenklagevertreter Roland Weber. | © Wilfried Hiegemann

Bosseborn-Prozess: Ankläger fordert lebenslange Haft

Bosseborn-Prozess: Staatsanwalt Meyer hält eine Strafmilderung für unmöglich

06.09.2018 | Stand 12.09.2018, 22:02 Uhr

Paderborn/Höxter. Viel Erschreckendes ist an den 55 Verhandlungstagen des Bosseborn-Prozesses ans Licht gekommen von den Zuständen auf dem Gehöft im Saatweg. Fast unerträglich waren die Schilderungen der Misshandlungen, des grausamen Sterbens zweier Frauen, der Empathie- und Skrupellosigkeit der Angeklagten Angelika W. und Wilfried W. Gut möglich, dass gestern erstmals seit Prozessbeginn den Angeklagten ein Schrecken in die Glieder fuhr. Oberstaatsanwalt Ralf Meyer forderte für beide eine lebenslange Freiheitsstrafe. Keine zwei Stunden zuvor hat Angelika W. zwischen ihren Verteidigern Peter Wüller und Alexander Strato Platz genommen – zum ersten Mal seit Prozessbeginn blickt sie, die in der Vergangenheit oft in unpassenden Momenten gegrinst hatte, ernst in die Runde. Auch Wilfried W. macht einen angespannten Eindruck. Anders als früher sucht er keinen Blickkontakt zum Publikum, ab und zu notiert er sich etwas. Währenddessen lässt Meyer die Verhandlung strukturiert Revue passieren, erinnert an die umfangreiche geständige Einlassung der Angelika W., an die Aussagen der Zeugen, an die Ausführungen diverser Experten, um schließlich festzustellen: Angelika und Wilfried W. sind des gemeinschaftlichen versuchten und vollendeten Mordes schuldig. Wider besseres Wissen hätten sie weder Annika W. noch Susanne F. Hilfe zukommen lassen, als sich diese geschwächten Frauen jeweils bei einem Sturz schwere Kopfverletzungen zuzogen, sagt Meyer. Er verweist auf all die grausamen Übergriffe, auf das menschenverachtende Streben nach Macht, bei dem die Angeklagten zusammenwirkten. „Sie haben sich zu Herren über Leben und Tod gemacht", sagt er über das Paar. Zwar folgt er der Gutachterin Nahlah Saimeh weitgehend in ihren Erkenntnissen und erkennt auch die intellektuelle Beeinträchtigung des Wilfried W. an, aber dieser sei sehr wohl in der Lage gewesen, sein Verhalten zu steuern. Davon zeuge die Tatsache, dass der 48-Jährige mit anderen Frauen gewaltfreie Beziehungen geführt habe. Die „Gesamtschau" des Falles lässt den Oberstaatsanwalt eine Strafmilderung strikt ablehnen. Weder solle für Angelika W. ihr umfängliches Geständnis zu einer Reduzierung des „Lebenslang" führen, noch für Wilfried W. seine intellektuelle Einschränkung. Vielmehr sei für beide eine besondere Schwere der Schuld festzustellen, findet Meyer. Allerdings müsse Wilfried W. wegen seiner krankheitswertigen Persönlichkeitsstörung in der Psychiatrie untergebracht werden. All dem folgen die Nebenklagevertreter. „Hier haben zwei so zusammen gewirkt, dass ich von perfekter Teamarbeit sprechen möchte", sagt Roland Weber. Dass sich die Angeklagten gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, liegt für ihn auf der Hand. „Wer mag sich eingestehen, für so monströse Taten verantwortlich zu sein", sagt Weber, bevor sein Kollege Christian Maibohm das „System der Entmenschlichung" beschreibt, das auf dem Gehöft in Bosseborn geherrscht habe. Wilfried W.s Verteidiger Detlev Binder und Carsten Ernst waren überrascht ob der Forderungen der Anklage. Sie werden am heutigen Donnerstag ihre Auffassung präsentieren.

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