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Angelika W. im Gespräch mit ihrem Verteidiger Alexander Strato. - © Marc Köppelmann
Angelika W. im Gespräch mit ihrem Verteidiger Alexander Strato. | © Marc Köppelmann

Paderborn/Höxter Bosseborn-Prozess: Angelika W. ließ Schweine und Ziegen verwahrlosen

Angelika W. hielt Schweine und Ziegen unter entsetzlichen Umständen. Dabei hat sie vor dem Paderborner Landgericht beteuert, eine ganz große Tierfreundin zu sein

Jutta Steinmetz
27.06.2018 | Stand 27.06.2018, 11:09 Uhr

Paderborn. Als 2016 vor dem Landgericht Paderborn der Bosseborn-Prozess begann, erhob fast sofort die Angeklagte Angelika W. ihre Stimme. Anders als ihr mitangeklagter Ex-Mann Wilfried W. nutzte sie sofort die Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge, aber auch sich selbst darzustellen. Ob sie den Richtern ein Bild vermittelte, das der Realität entspricht, das wird sich wohl nächste Woche zeigen, wenn die Psychiaterin Nahlah Saimeh mit der Erstattung der Gutachten beginnt. Im Verlauf der letzten anderthalb Jahre, des mittlerweile 49. Verhandlungstages ist deutlich geworden, dass es die Redefreudigkeit von Angelika W. nicht unbedingt leichter macht zu erkennen, was sich da abgespielt hat im Saatweg 6 in Bosseborn. Was genau Annika W. und Susanne F. letztlich ihr Leben kostete. Ob es Gleichgültigkeit war oder brutale, zielgerichtete Gewalt. Ob beider Tod vermeidbar gewesen wäre, vielleicht nur durch Mitgefühl oder Mitleid, die Wilfried und Angelika W. hätten einen Arzt rufen lassen. Viel zu viel Widersprüchliches ist schon gesagt worden in Saal 205. Das betrifft ganz besonders Angelika W., wie sich jetzt am 49. Verhandlungstag zeigt. Wieder ist es nur ein sehr kurzes Programm, das der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus anberaumt hat, um im Rhythmus der Strafprozessordnung zu bleiben. An diesem Tag verliest er die einzige Vorstrafe, die das Bundeszentralregister für Angelika W. ausweist. Das böte sich an, so kurz bevor es zu den psychiatrischen Gutachten komme, erklärt er. Angelika war im Februar 2013 dem Veterinäramt aufgefallen Überaus einleuchtend, denn es ist schon ein Delikt, das einen schlucken lässt. Angelika W. fiel nämlich im Februar 2013 dem Höxteraner Veterinäramt auf, weil sie in den Stallungen des sogenannten „Horror-Hauses" zwei Schweine und zwei Ziegen unter jämmerlichen Umständen gehalten hatte. Die Schweine seien im Wachstum zurückgeblieben und unterernährt gewesen, steht in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Paderborn. Futter oder Wasser hätte ihnen nicht zur Verfügung gestanden. Ebenso wenig den beiden Ziegen, deren Klauen wohl niemals gepflegt worden waren, sodass sich diese Tiere vor Schmerzen kaum bewegen mochten. Trotz der behördlichen Kontrolle sorgte Angelika W. nicht für ernsthafte Abhilfe, beim nächsten Kontrollbesuch litten die Tiere immer noch „erhebliche Schmerzen", so die Anklageschrift. Zur später angesetzten Gerichtsverhandlung erschien Angelika W. nicht, akzeptierte aber den Strafbefehl über 70 Tagessätze zu je 15 Euro. Ein Vorfall, der zur Selbstdarstellung von Angelika W. nun gar nicht passen will. Sie schilderte sich nämlich als Tierfreundin, die in Jugendjahren kleine mutterlose Kätzchen aufgepäppelt, erwachsene Katzen des Nachts im Haus in Sicherheit gebracht haben will – aus Angst, es könne ihnen etwas zustoßen. In Wochenfrist wird vielleicht Nahlah Saimeh diesen Widerspruch auflösen.

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