2016: Reinhold Hanning vor dem Landgericht Detmold. - © dpa
2016: Reinhold Hanning vor dem Landgericht Detmold. | © dpa

Detmold Die zwei Gesichter des Reinhold Hanning - eine Annährerung

Auschwitz-Prozess: Mit 19 Jahren meldet sich der Hitlerjunge zur Waffen-SS. Nach der Kriegsgefangenschaft führt er in Lage ein Milchgeschäft. Jetzt ist er Angeklagter in einem weltweit beachteten Prozess

Dirk-Ulrich Brüggemann

Detmold. Als der ehemalige SS-Wachmann Reinhold Hanning am ersten Verhandlungstag des Auschwitz-Prozesses vor die Schwurgerichtskammer des Detmolder Landgerichts tritt, wirkt der 94-Jährige aus Lage gebrechlich. Begleitet von seinem Sohn geht er mit kleinen Schritten zur Anklagebank. Dort sitzt er mit gefalteten Händen unbeteiligt zwischen seinen Verteidigern und schaut während des ersten Prozesstages nur einmal kurz auf. Es scheint, als gehe die auf zwei Stunden befristete Gerichtsverhandlung an ihm vorbei. Das Glas Mineralwasser führt er mit zittrigen Händen zum Mund. Am zweiten Verhandlungstag wirkt Hanning deutlich interessierter. Er schaut sich im Gerichtsaal um. Beobachtet die Zeugen und blickt zum Richtertisch. Als ihn die Vorsitzende Richterin Anke Grudda nach seinem Befinden fragt, spricht er erstmals im Prozess: "Ich bin zufrieden." Aber seine Stimme ist kaum verständlich für die Zuhörer im Gerichtsaal. Sein Anwalt Johannes Salmen wiederholt seine Antwort ins Mikrofon. Hanning muss sich in einem der letzten großen NS-Prozesse wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen in der Zeit von Januar 1943 bis Juni 1944 verantworten. Der Angeklagte wird am 28. Dezember 1921 im lippischen Helpup geboren. Er wächst in Billinghausen auf und besucht dort vom 7. bis zum 14. Lebensjahr die Volksschule. Danach arbeitet er in einer Fabrik. Mit 14 Jahren tritt er in die Hitlerjugend ein, fünf Jahre später meldet er sich freiwillig zur Waffen-SS und wird am 25. Juli 1940 Angehöriger der SS-Division "Das Reich". Im Januar 1942 wird er zum SS-Totenkopfsturmbann Auschwitz versetzt. Im Februar 1943 wird Hanning vom SS-Sturmmann zum SS-Rottenführer (entspricht einem Obergefreiten) befördert. Damit hat er das Kommando über vier SS-Mannschaftsdienstgrade. Strafrechtlich nie in Erscheinung getreten Im gleichen Jahr im September erfolgt die Beförderung zum SS-Unterscharführer (Unteroffizier). Damit unterstehen Hanning jetzt 7 bis 15 SS-Männer. In den Konzentrationslagern waren Unterscharführer häufig als Blockführer eingesetzt. Der Blockführer hatte in dem ihm zugeteilten Häftlingsblock auf Ruhe, Ordnung und Sauberkeit zu achten. Im Juni 1944 folgt eine erneute Versetzung, diesmal zum SS-Totenkopfwachbataillion Sachsenhausen. Im Mai 1945 kommt Hanning bei Neuruppin/Brandenburg in Kriegsgefangenschaft, aus der er am 20. Mai 1948 in Munsterlager in der Lüneburger Heide entlassen wird. Anschließend arbeitet er als Koch bei den britischen Streitkräften in Lage. 1949 wird der junge Mann Fahrer und Verkäufer in einem Molkereifachgeschäft in Lage. Diesen Betrieb übernimmt er 1964. Hanning führt das Geschäft bis 1984, dann geht er in Rente und lebt bis heute in Lage. Strafrechtlich ist der Witwer nie in Erscheinung getreten. Aufgaben der SS-Wachmannschaften Während des Prozesses, der bisher auf zwölf Verhandlungstage angesetzt ist, wird Hanning medizinisch von Bernd Meißnest, dem Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie am LWL-Klinikum in Gütersloh, betreut. Meißnest hat den Rentner eingehend untersucht und für zwei Stunden pro Prozesstag für verhandlungsfähig erklärt. Seine beiden Verteidiger, Johannes Salmen aus Lage und Andreas Scharmer aus Detmold, achten genau auf die Einhaltung der Prozessdauer. Laut der Anklage von Oberstaatsanwalt Andreas Brendel hat Hanning eingeräumt, während seiner Zeit als SS-Wachmann im Stammlager Auschwitz 1 eingesetzt gewesen zu sein. Er bestreitet allerdings, sich an den Tötungshandlungen beteiligt zu haben. Die Aufgaben der SS-Wachmannschaften in den Konzentrationslagern sind durch glaubhafte Aussagen vernommener Wachleute und durch noch lebende Zeitzeugen laut Anklage nachgewiesen. So soll allen in Auschwitz tätigen SS-Angehörigen nach kurzer Zeit bekannt gewesen sein, wie die Gefangenen getötet werden. Dies gelte auch für die Tötungen durch die Lebensbedingungen. Die Wachleute hatten von den Wachtürmen oder durch den Stacheldrahtzaun immer die Möglichkeit, in das Lager hineinzuschauen. Hannings Anwälte haben angekündigt, dass sich der 94-Jährige doch vor Gericht äußern will. Vielleicht werden dann die vielen Fragen, die sich aus dem Zwiespalt seines Lebens in Auschwitz und danach ergeben, beantwortet.

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