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Bielefeld August Oetker: "Mein Vater war Nationalsozialist"

16.10.2013 | Stand 18.10.2013, 10:25 Uhr

Bielefeld. Knapp 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gibt die Bielefelder Oetker-Gruppe jetzt eine tiefen Einblick in ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus. "Mein Vater war Nationalsozialist", sagte August Oetker der Wochenzeitung "Die Zeit". Der 69-jährige Sohn und Nachfolger von Rudolf-August Oetker ist Beiratsvorsitzender der Unternehmensgruppe. Über den Vater sagte er nun: "Er wurde es wohl, weil ihn die Zeit und vor allem sein Stiefvater Richard Kaselowsky geprägt haben." Am kommenden Montag erscheint das Buch "Dr. Oetker und der Nationalsozialismus". Die Studie von Historikern war von der Familie in Auftrag gegeben und bezahlt worden. Rudolf-August Oetker (1916-2007) war seit 1941 im Unternehmen. Sein Stiefvater Richard Kaselowsky (1888-1944) führte das Unternehmen bis zu seinem Tod bei einem Luftangriff. Dann übernahm Rudolf-August Oetker das Amt. Zu Lebzeiten hatte Rudolf-August Oetker eine Aufarbeitung dieser Epoche abgelehnt. "Er wollte über diese Zeit nicht sprechen", sagte August Oetker. Lange hatte er zudem verbreitet, er sei mitsamt seinem Reiterverein in die Waffen-SS geraten. Der "Zeit" zufolge kam er aber als Mitglied eines Reitervereins in den 1930er Jahren lediglich in die Reiter-SA. Zur Waffen-SS habe er sich später freiwillig gemeldet. "Ja, er war ein Nationalsozialist", sagte August Oetker. Die Studie stellt fest, dass Kaselowsky und mit ihm die Familie und ihre Unternehmen Verantwortung für das politische System trugen, in dem sie lebten. Sie seien Stützen der NS-Gesellschaft gewesen. Zudem hätten sie die Nähe des Regimes gesucht und von dessen Politik profitiert.Anfällig für rechtes Gedankengut Auch nach 1945 sei sein Vater noch anfällig für rechtes Gedankengut gewesen, sagte sein Sohn August Oetker jetzt. "Das sind die Menschen bis heute. Und er war es auch." In den sechziger Jahren hatte Rudolf-August Oetker seiner Heimatstadt Bielefeld eine Kunsthalle gestiftet, mit der er das Andenken an seinen Stiefvater Kaselowsky bewahren wollte, der Dr. Oetker während der NS-Zeit führte und ein strammer Nationalsozialist war. Ein Großteil der Bielefelder Jugend protestierte, aber der Name Richard-Kaselowsky-Haus blieb 30 Jahre lang bestehen. Erst 1998 tilgte ihn eine rot-grüne Stadtratsmehrheit. Daraufhin ließ Rudolf-August Oetker sämtliche als Leihgaben ausgestellten Bilder mit dem Lkw abholen.  "Er hat gesagt: Mit dieser Stadt machen wir nichts mehr. Er sah in dem Beschluss Unzuverlässigkeit und Illoyalität. In dieser Frage hat er sich bis zu seinem Tod nicht beruhigt", erinnert sich August Oetker im Artikel der "Zeit". Er selbst habe die Rücknahme der Bilder "als Trotz empfunden", sagte Oetker. "Ich hätte es nicht gemacht." Die Bilder zurückgeben möchte er aber trotzdem nicht: "Wir können uns nicht einfach über das hinwegsetzen, was uns der Vater aufgetragen hat. Das muss wohl die nächste Generation entscheiden." Vorabmeldung der Wochenzeitung "Die Zeit"

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