DETMOLD Arzu-Prozess: Opfer zur Rettung der Ehre

Gutachter berichtet über jesidische Kultur / Urteile am Mittwoch

Detmold. Am vierten Tag des Prozesses gegen die fünf Geschwister der ermordeten Arzu Özmen waren die Besucherreihen wieder dicht gefüllt. Richter Michael Reineke will am Mittwoch die Urteile verkünden. Sollte Rechtsanwalt Andreas Chlosta nicht noch einen Beweisantrag stellen – das ließ er offen –, ist die Beweisaufnahme abgeschlossen. Die Anwälte der Özmens sowie Staatsanwalt Rolf Vetter werden am Mittwoch plädieren. Osman Özmen droht eine Verurteilung wegen Mordes, Kirer und Sirin eine wegen "Geiselnahme mit Beihilfe zum Mord" oder "mit Todesfolge". Kemal und Elvis Özmen können wegen "Geiselnahme mit gefährlicher Körperverletzung" hinter Gitter wandern, so Reineke. Schuldfähig sind alle Angeklagten, hatte ein psychiatrisches Gutachten ergeben. Das Gericht hatte sich zuvor intensiv mit dem regen Telefon- und SMS-Kontakt in der Nacht der Entführung beschäftigt. Die Geschwister waren untereinander und mit ihrem Elternhaus in sehr engem Kontakt, am häufigsten hat Sirin telefoniert. Dann standen die Aussagen Kemal Özmens im Mittelpunkt. Der 23-Jährige war Anfang Februar aus der Haft entlassen worden, er hatte als Einziger ausgesagt – unter anderem, dass Sirin und Kirer die jüngere Schwester Arzu "nicht in Ruhe" haben lassen können. "Sie haben sogar gesagt, dass sie Arzu umbringen wollen. Aber das war doch nur so dahergesagt", zitierte Reineke aus dem Vernehmungsprotokoll. Angeblich hatten die Geschwister vereinbart, die junge Frau zu ihm zu fahren. "Wenn sie Arzu zu mir gebracht hätten, wäre das alles nicht passiert", hatte Kemal der Kripo gesagt.Die Familie steht über dem Individuum Ein Polizist erinnerte sich vor Gericht an die Vernehmung: "Kemal wollte die Entführung nicht, hatte aber auch keine Courage, sich gegen die Geschwister zu stellen." Dann habe die Entführung wohl eine "Eigendynamik" bekommen, die letztlich im Mord an Arzu eskaliert sei. Zuvor hatte der Psychologe Jan Kizilhan (Freiburg) Lebenswelt und Glauben der Jesiden skizziert. Verfehlungen einzelner Familienmitglieder gelten als Versagen der ganzen Familie, sagte er. Der jesidische Glaube erlaube nur Beziehungen zu Jesiden. Zudem seien sexuelle Normen vorgegeben. Frauen müssten als Jungfrau in die Ehe gehen. Kizilhan, selbst Jeside, schilderte, wie die in den Kurdengebieten verbreitete Glaubensgemeinschaft seit Jahrhunderten verfolgt wurde. Die Jesiden hätten sich darum isoliert. "Familie ist von absoluter Bedeutung." Sie stehe über dem Individuum. Oberhaupt sei der Vater. "Es geht immer darum, den Vater nicht zu belasten." Dagegen sei der Ehrbegriff nicht typisch jesidisch, sondern Kennzeichen patriarchaler Kultur. Schuldbeladene Familien würden ausgegrenzt, die Schuld könne aber mit einer Person als Opfer getilgt werden, sagte er. Die jetzige "verlorene" Generation der Jesiden – in Deutschland leben 60.000 Jesiden – habe große Probleme, ihre jahrhundertealte Tradition und deren Regeln mit dem Leben in einer modernen Gesellschaft in Einklang zu bringen.

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