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STEINHEIM/PADERBORN Lange Haftstrafen für Exorzisten

Eltern quälten jahrelang die eigene Tochter

15.03.2011 | Stand 15.03.2011, 00:54 Uhr

Steinheim/Paderborn. Neuneinhalb Jahre muss Klaus Dieter M. ins Gefängnis, seine Frau Heike wird sechs Jahre hinter Gittern verbringen müssen. Das Martyrium ihrer Tochter Nicole M. (Name geändert) dauerte länger. Elf Jahre lang musste sie immer wieder sexuelle Übergriffe ihres Vaters erdulden, in einigen Fällen begleitet von Gewalt und exorzistischen Ritualen. Beistand und Schutz fand sie bei ihrer Mutter nicht. Ganz im Gegenteil leistete die 45-Jährige ihrem Mann bei seinen abscheulichen Taten Hilfestellung. Eindreiviertel Stunden berieten die Richter um die Vorsitzende Margret Manthey am Montag über ihr Urteil. Dachten darüber nach, was sie an vier Prozesstagen gehört hatten über die Zustände in der Steinheimer Familie M., in der sechs Kinder völlig isoliert von der Außenwelt lebten, jede Förderung und manchmal sogar Nahrung vermissen mussten, über die Bibel befragt, bei falschen Antworten geschlagen wurden und die einzige Tochter sexuell missbraucht und mit Teufelsaustreibungen malträtiert wurde. "Es lässt sich gar nichts zu Gunsten der Angeklagten finden", bilanzierten die Richter um die Vorsitzende Margret Manthey. Hingegen sei dem Opfer Glauben zu schenken, stellten sie fest, und damit seien 48 Taten von Inzest sowie vier Vergewaltigungen, von denen drei unter dem Vorwand von Teufelsaustreibungen und mit Beihilfe der Mutter stattfanden, nachgewiesen. Dass im Falle von Heike M. für letztlich "nur" drei Tatbeteiligungen immerhin sechs Jahre Gefängnis zu verhängen waren, lag für das Gericht auf der Hand: Die Frau habe nämlich nicht nur bei den drei Vergewaltigungen Beihilfe geleistet, sondern überhaupt das Verhalten ihres Mannes, der immer wieder mit seiner Tochter den Geschlechtsverkehr vollzog, mitgetragen. Für eine von Nebenklägervertreter Karsten Rimkus geforderte Sicherungsverwahrung sei allerdings kein Raum.Ermittler gehen von einem Tötungsdelikt aus Mit dem verhängten Strafmaß blieben die Richter unter den Anträgen von Staatsanwalt Karl Oppenkamp und Nebenklagevertreter Rimkus. Letzterer hatte für Klaus Dieter M. 15 Jahre, für Heike M. zwölf Jahre Haft gefordert. Lebenslang werde nämlich Nicole M. unter den Taten zu leiden haben – auch und gerade wegen ihres vom eigenen Vater gezeugten Kindes, das ihr stets ein Spiegelbild des Erlebten sei, sagte Rimkus. Dass mit der Urteilsverkündung der Fall abgeschlossen ist, ist nicht anzunehmen. "Wir werden wahrscheinlich in Revision gehen", kündigte Heike M.s Verteidiger Franz Zacharias an. Ebenso wie sein Kollege Peter Christian Jähnig hatte er die Aussage von Nicole M. in Zweifel gezogen und so einen Freispruch für seine Mandantin gefordert. Außerdem denkt Staatsanwalt Oppenkamp über neue Ermittlungen gegen das Ehepaar nach. Schließlich hatte Nicole M. in ihrer Aussage weitere bis dahin unbekannte Taten öffentlich gemacht. Auch die Staatsanwaltschaft Hannover ist weiterhin aktiv. Sie hat Klaus Dieter M. und seine Frau Heike im Verdacht, etwas mit dem ungeklärten Verschwinden eines 38-jährigen Hamelners zu tun zu haben. Die Ermittler gehen von einem Tötungsdelikt aus.

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