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GÜTERSLOH Polizei gibt auch ein Jahr nach dem Mord an Ingrid Amtenbrink nicht auf

Fall wird bei "Aktenzeichen XY - ungelöst" neu aufgerollt

VON LUDGER OSTERKAMP
09.06.2010 | Stand 09.06.2010, 14:01 Uhr

Gütersloh. Das Korn steht wieder so hoch wie vor einem Jahr. Damals, im Mai 2009, erreichte der Roggen annähernd Brusthöhe, und eine Leiche wie die von Ingrid Amtenbrink, 1,59 Meter groß und 53 Kilo schwer, ließ sich im Feld leicht verstecken. Vielleicht auch das ein Grund, dass der Mord bis heute unaufgeklärt ist.

Ralf Gelhot, Leiter der Mordkommission "Korn", steht gut ein Jahr nach dem Verbrechen wieder vor dem Getreidefeld unweit des Meierhofes Rassfeld. "Es macht mich traurig, dass es uns bis heute nicht gelungen ist, den Mörder zu schnappen. Vor allem tut es mir für die Angehörigen leid." Nun setzt er Hoffnung auf den Kommissar Öffentlichkeit: "Aktenzeichen XY", die ZDF-Reihe, die sich bei den präsentierten Kriminalfällen eine Aufklärungsquote von 42 Prozent zugute hält, berichtet heute (20.15 Uhr) über den Fall.

Viele Tage und manche Nacht hat sich Gelhot über die Tat den Kopf zermartert, und eigenlich, sagt er, sind für ihn kaum noch Fragen offen - bis auf die beiden wesentlichen: Wer hat die 67-jährige Witwe damals getötet? Und warum?

Speichelproben von 12.000 Männern

Auch wenn Gelhot und die Sonderkommission wieder abgezogen sind nach Bielefeld, und auch wenn der 44-Jährige einräumt, dass sich auf seinem Tisch schon wieder andere Fälle stapeln, hat er die Hoffnung nicht aufgegeben: "Irgendwann kriegen wir den Kerl."

Eine Hoffnung, die die älteste Tochter von Ingrid Amtenbrink, Birthe Nolte, gerne teilen möchte. Aber es fällt ihr schwer. "Mit jedem Tag, der verstreicht, richte ich mich mehr und mehr darauf ein, dass wir den Mörder und den Grund der Tat nie erfahren werden." Dass einer der größten Massengentests der deutschen Kriminalgeschichte, bei dem 12.000 Männer gespeichelt wurden, keinen Erfolg gebracht habe, enttäusche sie zutiefst. Auch sie setzt nun in die Sendung den letzten Funken Hoffnung - und darin, dass der Täter möglicherweise irgendwann über eine andere Straftat gefasst und durch Abgleich seiner DNA überführt wird.

Das Schlimmste, so Nolte, sei die Ungewissheit. "Das erschwert es, darüber hinwegzukommen." Einen anderen sehnlichen Wunsch verwehrt ihr die Polizei: "Wir würden auf dem Grabstein unserer Mutter gerne den Todestag eintragen, aber man nennt ihn uns nicht."

Es ist nicht die einzige Angabe, die die Polizei für sich behält. Todesursache? "Kein Kommentar", sagt Gelhot, auch nicht dazu, dass eine Notärztin beim Auffinden der Leiche von einer "unbedeutenden Wunde" am Kopf gesprochen oder ein Zeuge Würgemale am Hals gesehen haben soll. Tatort? "Kein Kommentar", sagt Gelhot, und lässt die Öffentlichkeit weiter darüber spekulieren, ob Ingrid Amtenbrink gefangen gehalten wurde, bevor der Mörder sie im Kornfeld ablegte. Motiv? "Kein Kommentar", sagt Gelhot, und lässt damit offen, ob es sich bei der vorgefundenen Täter-DNA um Sperma oder anderes handelt.

Viel Betrieb am Fundort

Ausführlich wird der Polizist aber, wenn er auf mögliche Polizeipannen angesprochen wird. "Solche Vorwürfe weise ich zurück. Die Polizei hat sorgfältig und routiniert gearbeitet." Erhoben werden die Vorwürfe im wesentlichen von Anwohnern und Zeugen am Fundort der Leiche.

Die Polizei habe bei der Spurensicherung geschlampt, sagen sie. Kranken- und Notarztwagen seien einfach durchs Feld gefahren und hätten dabei etwaige Reifenspuren vernichtet. Am Fundort sei viel zu viel Betrieb gewesen. "Im Kornfeld sind unfassbar viele Leute herumgetrampelt", erzählt eine Zeugin. "Innerhalb kürzester Zeit wurde aus einer schmalen Spur ein breiter Trampelpfad." Kampf- oder Fußspuren, sollte sie es gegegeben haben, seien so garantiert vernichtet worden.

Gelhot kontert, der Fundort sei ausreichend abgesperrt gewesen. "Außerdem muss man berücksichtigen, dass das ein vielbegangener Weg ist. Da wimmelt es vor Spuren. Keiner von uns glaubt, dass man da draußen im Sandboden etwas Verwertbares hätte finden können, zumal möglicherweise schon viel Zeit verstrichen war."

Ingrid Amtenbrink hatte in dem brusthohen Roggen ganz friedlich, wie schlafend dagelegen, berichteten die Spaziergänger, die sie gefunden hatten. "Sie trug ihre weiße Bluse, eine Jacke und einen Rock, alles sah ganz sorgfältig aus, in der Hand hatte sie noch ihre Handtasche", erzählt eine von ihnen. Lediglich die Schuhe fehlten, ein Spürhund erschnüffelte sie zwei Tage später in der Nähe.

  • "Aktenzeichen XY - ungelöst", ZDF, heute, 20.15 Uhr.

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