0

"Tabletten steigern Amok-Gefahr"

INTERVIEW: Psychiater Wolf Müller sieht Zusammenhang zwischen Medikamenten und Mordsucht

03.10.2009 | Stand 05.10.2009, 12:25 Uhr

Bünde. Der Ruf nach schärferen Gesetzen für Waffenbesitz oder nach einem Verbot gewaltverherrlichender Videospiele wird laut, sobald wieder ein Schüler Amok gelaufen ist. Die Ursache für die Explosionen der Gewalt könnte jedoch ganz woanders liegen, vermutet Wolf Müller, Chefarzt der Psychiatrischen Tagesklinik Bünde, einer Einrichtung des Herforder Klinikums. Über mögliche Wirkungen von Psychopharmaka sprach Gerald Dunkel mit dem Psychiater.

Herr Müller, fast allen Amokläufern, die in den vergangenen Jahren traurige Berühmtheit erlangten, ist eines gemein: Sie waren wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung. Sind psychisch Kranke eine Bedrohung für andere Menschen?
WOLF MÜLLER: Dass diese Frage politisch irgendwann thematisiert wird, macht mir Sorge. Dass gesagt wird: "Seht her, die psychisch Kranken sind gemeingefährlich. Die müssen alle weggesperrt werden." Ich arbeite seit 1974 in der Psychiatrie und kann mit Bestimmtheit sagen: Psychisch Kranke sind nicht gefährlich.

Was treibt Amokläufer an?
MÜLLER: Ich will nicht behaupten, dass es der einzige Grund ist, aber es fällt auf, dass gerade in den vergangenen Jahren bei den Amokläufern hier bei uns, in Finnland, Belgien oder auch in den USA immer eine psychische Erkrankung eine Rolle gespielt hat, die in die depressive Richtung ging. Und alle wurden medikamentös behandelt.