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Medienrummel: Bevor sie in See sticht, spricht Greta Thunberg  mit  Journalisten.   - © picture alliance / empics
Medienrummel: Bevor sie in See sticht, spricht Greta Thunberg  mit  Journalisten.   | © picture alliance / empics

Klimaschutz Ein Jahr Greta Thunberg: Was die Wachrüttlerin verändert hat

Am 20. August 2018 streikte Greta Thunberg zum ersten Mal fürs Klima. Daraus ist schnell eine internationale Bewegung geworden. Doch es gibt Gegenwind - nicht nur bei ihrer Atlantik-Überfahrt

Steffen Trumpf
18.08.2019 | Stand 18.08.2019, 11:23 Uhr

Stockholm. Vor einem Jahr hockte sich ein damals 15-jähriges Mädchen vor den Reichstag in Stockholm, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Ihren Namen kannte damals kaum jemand: Greta Thunberg. Heute ist die junge Schwedin eines der bekanntesten Gesichter der Erde, ihrem Vorbild zum Klimaprotest folgen Abertausende vor allem junge Menschen in aller Welt, besonders viele davon in Deutschland. Aus dem stillen Protest einer einzelnen ist innerhalb eines Jahres eine Weltbewegung geworden - und aus dem einst unbekannten Mädchen eine Kandidatin für den Friedensnobelpreis. Am 20. August 2018 war all das völlig undenkbar. An dem Tag fing für Thunberg das neue Schuljahr an, neunte Klasse, das letzte Jahr vor dem Wechsel aufs Gymnasium. Statt in den Unterricht ging sie vor den Reichstag in Stockholm und setzte sich im Schatten des Gebäudes mit einem Schild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet" (Schulstreik fürs Klima) auf den Boden. "Das war ein einsames Gefühl" Bis zum Tag der schwedischen Parlamentswahl Anfang September werde sie aus Protest fürs Klima nicht zur Schule gehen, kündigte das Mädchen damals auf einem DIN-A4-Zettel an, von dem sie einige Kopien vor ihr Protestschild gelegt hatte. „Ich habe mir damals gedacht, dass ich etwas tun muss", sagte Thunberg kürzlich in einem schwedischen Podcast einer Mitschülerin. Nachdem sie sich lange mit Klimawandel und Erderwärmung beschäftigt habe, sei sie an der Erkenntnis verzweifelt, dass niemand etwas für das Klima unternehme. Also setzte sie sich vors Parlament. Die Leute seien zunächst einfach so an ihr vorbeigegangen, ohne ihr Beachtung zu schenken, sagt sie rückblickend. „Das war ein hoffnungsloses und einsames Gefühl. Aber auch ein ziemlich hoffnungsvolles, dass ich etwas mache." Regelmäßige Proteste in 100 Ländern Nach kurzer Zeit entschloss sich die Schülerin, die Aktion immer freitags abzuhalten. Was folgte, ist bekannt: Mit regelmäßigen Einträgen auf Twitter, Facebook und Instagram begeisterte sie Schüler in verschiedenen Ländern dafür, ihrem Beispiel zum Klimaprotest zu folgen. Auftritte wie der auf der Weltklimakonferenz im polnischen Kattowitz oder der auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos („Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen, denn das tut es.") taten ihr Übriges. Mittlerweile wird jeden Freitag in rund 100 Ländern regelmäßig fürs Klima protestiert. In Deutschland ist die Bewegung, die sich den Titel Fridays for Future gegeben hat, besonders stark gewachsen. Erste größere Proteste gab es in Berlin, Hamburg, München und Köln bereits im Dezember 2018. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", skandieren junge Deutsche immer freitags, um die Bundesregierung zu einem beherzteren Einsatz gegen die Klimakrise aufzurufen. Die Gesellschaft verändert Dreimal war Thunberg bislang selbst bei Protesten in Deutschland dabei, erst in Hamburg, dann zweimal in Berlin. Vor wenigen Tagen besuchte sie erstmals den Braunkohletagebau Hambach - mit dem umkämpften Hambacher Forst wohl der symbolträchtigste Ort der deutschen Klimabewegung. Der Ruf der Klimademonstranten ist längst in Bundestag und Kanzleramt angekommen, Debatten wie die über eine CO2-Steuer sind die Folge. Damit hat Thunberg letztlich auch die deutsche Gesellschaft verändert. „Greta und Fridays for Future haben sicherlich die Politik und Öffentlichkeit aufgeweckt", sagt Klimaforscher Stefan Rahmstorf. „Die Debatte in Deutschland hat sich verändert, viele nehmen das Thema jetzt erstmals ernst." Ob daraus konkrete politische Maßnahmen gegen die Klimakrise entstehen, müsse sich aber erst noch zeigen. Mit Preisen überhäuft In den vergangenen Monaten ist Thunberg mit Preisen überhäuft worden, unter anderem erhielt sie die höchste Auszeichnung von Amnesty International. Manche sehen in ihr bereits die nächste Friedensnobelpreisträgerin. Sie traf Menschen wie Obama und den Papst, Lob gab es unter anderen vom Dalai Lama. Aber nicht jeden kann Thunberg mit ihrer Botschaft abholen. Zu krass ihre Ideale, zu groß die Angstmache vor der Klimakrise, meinen manche. "Zutiefst verstörter Messias" In einem Beitrag in der australischen Zeitung „Herald Sun" wurde sie letztens gar als „der zutiefst verstörte Messias der Erderwärmungsbewegung" bezeichnet. „Ich habe noch nie ein so junges Mädchen mit so vielen psychischen Störungen gesehen, die von so vielen Erwachsenen wie ein Guru behandelt wird", schrieb der Kolumnist Andrew Bolt über die junge Schwedin und ihre Asperger-Erkrankung, die Thunberg selbst als Vorteil bezeichnet. Thunberg lächelt solche Beleidigungen weg, auch wenn immer wieder durchklingt, dass solche Attacken nicht so leicht für eine 16-Jährige zu verdauen sind. „Man kann heute nicht mehr für etwas Gutes stehen, ohne dafür infrage gestellt zu werden, Todesdrohungen zu erhalten und gehasst zu werden. Es ist sehr traurig, wohin wir da gekommen sind", sagte sie in dem Podcast. "Die meiste Kritik ist ziemlich lustig" „In jüngster Zeit gab es eine gewaltige Polarisierung in der Gesellschaft, nach dem Motto, du bist entweder für Greta oder gegen sie." Mit einem Lächeln sagt sie aber auch: „Die meiste Kritik ist eigentlich ziemlich lustig." Sie zeige letztlich nur, dass ihren Gegnern die Argumente fehlten. Die Kritik von vielen Seiten beweist auch: Die Klimaschutzbewegung wird nicht mehr bloß belächelt. Die Weltöffentlichkeit verfolgt Thunberg mittlerweile auf Schritt und Tritt. Fotos von Thunberg neben vermummten Aktivisten im besagten Hambacher Forst lösen somit sofort Diskussionen aus, ebenso Berichte, es habe auf einer Fridays-for-Future-Konferenz in Lausanne Streit über einen Forderungskatalog der Bewegung gegeben. Das Klima ist stärker in den medialen Fokus gerückt - die Personen hinter der Bewegung aber auch. Medienpräsenz ist kein Selbstläufer Die Medienpräsenz der Klima-Aktivistin ist nach Ansicht des Forschers Volker Lilienthal kein Selbstläufer, sondern muss immer neu mit Aktionen befeuert werden. „Es wird etwas brauchen, dass die Journalisten auch immer wieder drauf springen", erläuterte der Professor für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg die gängigen Mechanismen. „Greenpeace wählt seine Aktionen ja nicht nur danach aus, ob die wirklich etwas für die Umwelt tun, sondern auch danach, ob es für die Medien attraktiv ist." Ikone wie Gandhi Greta sei für die Medien eine ähnliche Ikone wie der indische Nationalheld Mahatma Gandhi oder der deutsche Studentenführer Rudi Dutschke, sagte Lilienthal. „Berichterstattung funktioniert immer über Personalisierung. Wenn in Personen gesellschaftlich virulente Themen gerinnen, wenn sie glaubwürdig verkörpert werden, attraktiv medienstark verkörpert werden, dann steigen Medien ein." Allerdings nehme der Teenager mindestens in einer Hinsicht eine Sonderrolle ein: „Thunberg ist insofern geschichtlich neu, als es meines Wissens noch nie ein Kind gab, das deutlich so eine Tendenz verkörperte." "Sie widersetzt sich" Es sei ungewöhnlich, dass eine junge Frau eine so prominente Rolle in der Weltpolitik spiele. „Sie fällt auf. Und dann muss man ihr zweifelsohne auch attestieren, dass sie eine enorme Energie hat, dass sie sich auch widersetzt", sagte der Forscher. „All das ist neuartig, all das ist auffällig. Und damit ist sie natürlich hochattraktiv für journalistische Berichterstattung." „Vor dem Klimawandel zu warnen, ist Greta Thunberg sicherlich ein großes persönliches Anliegen. Da ist sie seit zwei, drei Jahren hineingewachsen. Aber damit schafft man ja noch keine Medienaufmerksamkeit", schilderte der Wissenschaftler. „Nur auf irgendwelchen x-beliebigen Demonstrationen aufzutauchen, wird auf Dauer als Konzept nicht funktionieren", sagte Lilienthal voraus. Die Aufmerksamkeit der schnelllebigen Medienbranche verlange „immer neuartige Aktionen". Treffen mit Trump ist medienwirksamer als Verweigerung Entweder in der Art und Weise oder in der Größe des Events. Auch Trumps Einladung auszuschlagen, sei eine Option, jedoch nicht die PR-wirksamste. Der Satz „Ich will mit dem nicht sprechen" habe nicht so einen Effekt, wie wenn es wirklich zu einem Zusammentreffen in der wirklichen Welt käme, sagt Lilienthal. Thunberg provoziere Trump dann vielleicht in irgendeiner Weise - oder erreiche vielleicht sogar etwas. „Das kann aber nur eintreffen, wenn es zu dem Zusammentreffen kommt. Das reale Zusammentreffen wäre vom Medieneffekt her ungleich größer als die kluge Verweigerung." Ein Jahr Schulpause Medienwirksam ist Thunberg am Mittwoch mit einer Hochseejacht in Richtung USA gestartet. Drüben auf der anderen Atlantikseite beginnt die nächste Phase in ihrem Klimakampf, es warten unter anderem der UN-Klimagipfel in New York im September und die Weltklimakonferenz in Chile im Dezember auf sie. Day 4. Pos 46° 20‘ N 015° 46‘ W Eating and sleeping well and no sea sickness so far. Life on Malizia II is like camping on a roller coaster! pic.twitter.com/pf1PnqYCov — Greta Thunberg (@GretaThunberg) 17. August 2019 Rund um den New Yorker Gipfel wird weltweit in einer Aktionswoche besonders ausdrücklich fürs Klima gestreikt - mit der Initiatorin erstmals in der Welthauptstadt. Thunberg nimmt für all das ein Jahr Schulpause, um sich in Übersee ausschließlich aufs Klima konzentrieren zu können. Dass ihr erster Segeltörn gleich quer über den Atlantik geht, ist für ein Mädchen durchaus bemerkenswert, für das es einst ein Erfolg war, vor die Haustür und in den Supermarkt zu gehen. "Privat spreche ich so gut wie gar nicht" Thunberg hat in ihren 16 Lebensjahren nie gern geredet oder Kontakte gesucht, für ihre Sache ist das aber unumgänglich. „Ich bin nicht so, wie die Leute denken. Ich bin ziemlich ruhig...

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