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Gewalteskalation: Jugendliche werden immer brutaler - ist das die Wahrheit oder nur gefühlte Realität? - © picture alliance / imageBROKER
Gewalteskalation: Jugendliche werden immer brutaler - ist das die Wahrheit oder nur gefühlte Realität? | © picture alliance / imageBROKER

Jugendgewalt Gefühlt geht es immer brutaler zu in Deutschland. Aber ist das wirklich so?

Drei namhafte Experten kommen hier zu vollkommen unterschiedlichen Antworten

Anneke Quasdorf
13.08.2019 | Stand 14.08.2019, 09:30 Uhr

"Das wäre früher nicht passiert." Diesen Satz hört man oft in letzter Zeit. Allerdings kommt er nicht, wie sonst, von 70-Jährigen, sondern auch von jungen Menschen Mitte 30. Was sie schockiert, sind Gewalttaten von Jugendlichen, die extrem brutal und verroht erscheinen. Aber ist das wirklich so? Haben wir eine neue Gewaltstufe in unserer Gesellschaft erreicht? Ja, sagt einer, der es wissen muss: Jugendforscher und Soziologe Klaus Hurrelmann. Nein, sagt einer, der es auch wissen muss: der Kriminologe und Statistik-Fachmann Wolfgang Heinz. Jein, sagt der dritte Experte, Gewaltforscher Andreas Zick. "Wir erleben derzeit eine neue Stufe von Gewalt, ohne Grenzen, ohne Ethik, ohne Spielregeln", sagt Hurrelmann. "Und das ist ganz klar eine männliche Gewalt, die sehr triebhaft, emotional und eruptiv ist." Sechs Beispiele allein aus dem vergangenen Jahr: In Mülheim vergewaltigen fünf Kinder und Jugendliche eine junge Frau. In Essen schlägt eine Gruppe junger Männer im Freibad einen Bademeister zusammen. Ebenfalls dort prügeln sechs Jugendliche an einer Haltestelle auf einen jungen Mann ein und schubsen ihn auf die Gleise. In Bayern versuchen 50 Jugendliche, eine Polizeiwache zu stürmen. In Freiburg vergewaltigen elf junge Männer eine 18-Jährige. Die Liste ließe sich lang fortführen. Statistik: Jugendkriminalität geht zurück Dabei sind es verschiedene Aspekte, die so schockieren: Das Ausmaß der Brutalität auf der einen Seite - und wie jung die Täter zum Teil sind. Schnell entsteht der Eindruck, dass unsere Gesellschaft völlig verroht sein muss, wenn schon Kinder solche Dinge tun. Dabei zeigt die Kriminalstatistik: Die Straftaten im Bereich Jugendkriminalität sind seit den 90er Jahren stark zurückgegangen. Auch in Bielefeld entwickelt sich die Jugendkriminalität zurück, lediglich bei den strafunmündigen Kindern geht der Trend nach oben. Doch dafür gibt es eine Erklärung. Laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen haben sie sich von 2007 bis 2015 halbiert. "Belastbare Zahlen für eine zunehmende Verrohung oder Brutalität gibt es dagegen nicht", sagt Wolfgang Heinz, der auch Experte für Jugendkriminologie ist. Zahlen sind sein Metier, im von ihm aufgebauten Konstanzer Inventar zur Kriminalitätsentwicklung werden Daten der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik untersucht, um sie für die Forschung verwertbar zu machen. Heinz weiß: Die Annahme, die Gesellschaft "verrohe", die Taten würden schlimmer, die Verletzungen schwerer, ist weit verbreitet und nicht neu. Aber: "Weder die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik noch die der Strafverfolgungsstatistik lassen entsprechende Rückschlüsse zu." Aufschluss geben kann darüber hinaus in den Augen des Kriminologen nur noch die Analyse von Ermittlungsakten. Die hier festgehaltenen Opferschäden müssten dann deutlich schwerer geworden sein. "Hier wurden in Deutschland drei entsprechende Untersuchungen durchgeführt, deren Ergebnisse die Annahme alle nicht bestätigen." Eine andere Möglichkeit: Eine Untersuchung der Daten von Unfallversicherern, denen Schulen sogenannte "Raufunfälle", die Schäden von Prügeleien unter Schülern, melden müssen. Diese zogen auch die Kriminologen aus Niedersachsen für ihre Statistik zu Rate. "Und hier sind die Zahlen sogar rückläufig." So genaue Untersuchungen gibt es allerdings nicht für jeden Straftatbereich, sagt Gewaltforscher Andreas Zick. „Gewalt im Fußball, häusliche Gewaltformen, oder Gewalt, die im Zuge von Bandenkriminalität entsteht, ist nicht hinreichend auf Unterschiede zwischen Jugendlichen und anderen untersucht." Auch im Bereich des Rechtsextremismus gebe es einen Anstieg unter Beteiligung von Jugendlichen. „Im Großen und Ganzen sind Jugendliche heute also weniger gewalttätig, aber in bestimmten Bereichen fallen junge Menschen auf." Nährboden für Fremdenhass Die Frage ist allerdings, ob es überhaupt eine Rolle spielt, wenn ein Zustand, den viele Menschen wahrnehmen, nicht durch Zahlen belegbar ist. Wo sich doch umgekehrt kaum jemand in seinen festen Überzeugungen irritieren lässt, wenn es entsprechende Zahlen gibt, die klar dagegen sprechen. Wenn es also in der Gesellschaft ein Gefühl von Entsetzen, Unsicherheit und Angst gibt, wird diese Stimmung keine Statistik der Welt ändern können. Und das ist das eigentlich Gefährliche an der Situation, das ist der Grund, auf dem und wegen dem Parteien wie die AfD funktionieren. Denn diese emotionale Gemengelage ist der ideale Nährboden für Vorurteile, soziale Spaltung und vor allem: Fremdenhass. „Gewalt ist ein Thema der Sicherheit und das ist nicht nur medial interessant, sondern wird auch politisch genutzt", weiß auch Zick. Wie schnell das eskalieren kann, zeigt das Beispiel Rheinbad in Düsseldorf. Dreimal musste es in den vergangenen Wochen geräumt werden, weil sich Hunderte Besucher, genauer: junge Männer und Jugendliche, angeblich viele von ihnen mit Migrationshintergrund, aggressiv zusammengerottet haben sollen. Die Stimmung vor Ort und in ganz Deutschland kochte hoch, die AfD pöbelte ordentlich los, der Oberbürgermeister bekam Hassmails. Deutschlandweit überprüften Kommunen die Sicherheit ihrer Freibäder, während vor dem Rheinbad in Essen "Aufpasser" aus dem rechten Milieu von der Polizei gestoppt werden mussten. Mittlerweile ist von der ganzen Geschichte kaum noch Gehalt übrig. Auf den Überwachungsvideos sind keine Straftaten zu erkennen. Zu sehen ist dort aber wohl, dass die Wasserrutsche, die angeblich so lange vom randalierenden Mob besetzt war, bereits nach 15 Sekunden wieder benutzt wurde. Und klar ist auch, dass aufgrund ihres Verhaltens lediglich die Identität von zwei Badegästen festgestellt werden musste. Beide waren Deutsche. Berichtet wurde über all das aber kaum noch. Gesellschaft passt nicht zu jungen Männern Grundsätzlich herrscht die Ansicht: Wer so was tut, wer prügelt und vergewaltigt, der passt nicht in unsere Gesellschaft. Jugendforscher Klaus Hurrelmann vertritt die genau umgekehrte Meinung: "Natürlich dürfen solche Ausschreitungen nicht passieren, müssen junge Täter scharf sanktioniert werden. Aber dass es überhaupt so weit kommt, liegt auch daran, dass unsere Gesellschaft nicht zu jungen Männern passt." In Hurrelmanns Augen gibt es in unserer Gesellschaft keinen Raum für Grundbedürfnisse des Männlichen: Sich zeigen durch Lautstärke, Kraft, Aggression, und damit Anerkennung finden. "Jungen und junge Männer müssen immer Regeln brechen, um so sein zu können, wie sie sich in einer bestimmten Phase ihres Lebens fühlen." Begegnen könnten wir dem nur, indem wir ihnen möglichst früh gesellschaftlich mehr anerkannte Spielräume geben, diese Emotionen und Verhaltensweisen spielerisch auszuleben und ausleben zu dürfen: "Sport, Wettkampf, Theater in Kita und Schule sind gute Möglichkeiten dafür."

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