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Mitgefühl: Ein Mann legt in der Nähe des Tatorts Blumen ab. - © Reuters
Mitgefühl: Ein Mann legt in der Nähe des Tatorts Blumen ab. | © Reuters

Massaker im Supermarkt Die rassistische Gedankenwelt des Täters von El Paso - und seiner Vorbilder

Dirk Hautkapp
05.08.2019 | Stand 05.08.2019, 07:32 Uhr

Washington. Bevor Patrick Wood Crusius eine Woche nach seinem 21. Geburtstag 1000 Kilometer entfernt von seinem Heimatort nahe Dallas/Texas in El Paso eines der schlimmsten Blutbäder in der jüngeren amerikanischen Geschichte anrichtete, begab sich der blasse junge Mann nach Rekonstruktion der Ermittler ins Internet. Um die Welt wissen zu lassen: warum. Unter der Überschrift "Die unbequeme Wahrheit” hinterließ Crusius nach Angaben von Polizeichef Greg Allen und anderen Fahndern in dem bei Rechtsextremisten beliebten Online-Forum 8chan gut 20 Minuten vor der Tat ein 2.300 Worte langes Traktat voller Hass, Rassismus, Verschwörung und Fremdenfeindlichkeit. Weißer Inlands-Terrorismus Sollte die Urheberschaft zweifelsfrei geklärt werden, würde es den Massenmord in einem Walmart-Kaufhaus als neues Beispiel für weißen Inlands-Terrorismus in Amerika ausweisen. Vorbilder: die Kirchen-Massaker von Charleston (2015 - neun Tote), Pittsburgh (2018 - elf Tote) und Poway (April 2019 - eine Tote). Crusius, der mit einem legal erworbenen, halbautomatischen Schnellfeuergewehr vom Typ AK 47 bewaffnet war und sich nach der Gewaltorgie widerstandslos festnehmen ließ, hat Anleihen bei Brenton Tarrant genommen: Der 51-fache Moschee-Mörder von Christchurch/Neuseeland führte im Frühjahr Muslime als Grund für seinen Amoklauf an; Crusius machte eine "hispanische Invasion in Texas” geltend, die auf einen ethnischen "Austausch" der weißen Mehrheitsbevölkerung durch Latinos hinauslaufe. Trump zeichnet El Paso als kriminellen Sündenpfuhl Ermittler gehen davon aus, dass der in einem Vorort von Dallas bei seinen Eltern gemeldete Crusius sich deshalb El Paso ausgesucht hat. Die 680.000-Einwohner-Stadt an der amerikanisch-mexikanischen Grenze kam zuletzt oft im Zusammenhang mit dem Ansturm von Flüchtlingen aus Latein-Amerika und der drastischen Abwehr-Politik von Präsident Donald Trump in den Medien vor. Trump hat El Paso, in der Beto O`Rourke, einer der demokratischen Präsidentschaftskandidaten, zuhause ist, als kriminellen Sündenpfuhl beschrieben. Die Polizeistatistiken beweisen  allerdings das Gegenteil. Verschwörungstheorien, die auch bei der AfD verbreitet sind Wie Tarrant, so hat offenbar auch Crusius seine Gedankenwelt an dem in der rechtsextremistischen Szene verehrten Buch "The Grand Replacement” von Renaud Camus ausgerichtet. Der Franzose gilt als Vordenker des angeblich bevorstehenden Untergangs der "weißen Rasse"; ausgelöst durch muslimische Masseneinwanderung mit dem Ziel eines Bevölkerungsaustausches. Rassisten und Verschwörungstheoretiker weltweit berufen sich darauf. In Deutschland sympathisiert die AfD damit. Alexander Gauland warf der CDU-SPD-Regierung eine Migrationspolitik vor, die das "Volk völlig umkrempelt" und dafür sorge, dass "nur noch irgendeine uns fremde Bevölkerung hier lebt". Täter lobt Waffengesetze Crusius hat in seinem Feindbild offenbar Muslime durch Latinos ersetzt. Mit seinen Taten habe er sein Land "vor der Zerstörung” durch Überfremdung bewahren wollen, schreibt er im Stil eines Allmachtsphantasten. Es gehe darum, die "Bedrohung durch hispanisch-stämmige Wähler zu beseitigen”. Trump habe mit seinem Mordentschluss nichts zu tun, schrieb Crusius. Er sei Rassist gewesen, lange bevor Trump ins Amt gekommen ist. Zuvor rühmte er indirekt die hohe Verfügbarkeit von Waffen in Amerika, die seine Tat nach Ansicht von Experten begünstigt hat. "Unsere Europäischen Kameraden haben nicht die Waffengesetze, die nötig sind, um die Millionen von Eindringlingen zurückzuschlagen, die ihre Länder plagen." In Texas gilt seit 2016 "open carry". Wer eine Waffenlizenz hat, darf sein Schießeisen fast überall offen tragen. Am Samstagabend twitterte der US-Präsident, die Tat sei ein "Akt der Feigheit” gewesen. Für das Töten unschuldiger Menschen könne es nie Rechtfertigungen geben. Mehrere prominente Demokraten machten Trump, der Mexikaner einmal pauschal als Vergewaltiger und Kriminelle bezeichnet hatte, für das geistige Klima mitverantwortlich, in dem Crusius` Tat geschah.

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