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Strafe oder Chance: Im schlimmsten Fall nehmen die Jugendamtsmitarbeiter die beiden 12-jährigen Sexualtäter aus ihren Familien und bringen sie in sozialpädagogischen Einrichtungen unter. - © picture alliance / dpa
Strafe oder Chance: Im schlimmsten Fall nehmen die Jugendamtsmitarbeiter die beiden 12-jährigen Sexualtäter aus ihren Familien und bringen sie in sozialpädagogischen Einrichtungen unter. | © picture alliance / dpa

Mülheim Kinderschutzforscher: Jugendamt Mülheim muss auch Sexualtäter schützen

Experte aus Paderborn hält Sanktionskatalog der Jugendämter für ausreichend/Stadt Mülheim prüft Ausweisung der betroffenen Familien

Anneke Quasdorf
12.07.2019 | Stand 12.07.2019, 15:32 Uhr

Mühlheim/Paderborn. Welche Konsequenzen hat der Vorfall für die Täter? Das ist eine Frage, die immer dringlicher wird, nachdem fünf Kinder und Jugendliche in Mülheim eine junge Frau vergewaltigt haben. Während die Stadt eine Ausweisung der betroffenen Familien prüft, begleiten Mitarbeiter des Jugendamtes die Verdächtigen. Aber ist die Einrichtung Jugendamt überhaupt noch die richtige Institution für den Umgang mit Kindern, die so eine Tat begangen haben? Einer, der diese Frage beantworten kann, ist der Kinderschutzforscher Professor Michael Böwer, der an der Katholischen Hochschule NRW in Paderborn die Arbeit der deutschen Jugendämter untersucht. Und er sagt ganz klar: „Ja. Grundsätzlich verfügen Jugendämter in Deutschland über genügend effektive Handlungsmöglichkeiten für solche Täter, mit denen sie ihnen gleichzeitig auch Chancen bieten – sie müssen sie nur nutzen." Dabei reiche das Spektrum von Erziehungshilfeangeboten zusammen mit der Familie bis zum Schritt, Kinder ganz aus ihren Familien herauszunehmen. In Mülheim hat Pressesprecher Volker Wiebels auf Anfrage von nw.de bestätigt, dass derzeit auch untersucht werde, ob die Familien der Täter aus Deutschland ausreisen müssen. „Wir prüfen, ob wir die Freizügigkeit dieser Familien einschränken können." Auch eine Woche nach der Tat keine Konsequenzen Welche Maßnahmen vor Ort zum Einsatz kommen werden, ist aber auch eine Woche nach der Tat nicht klar. „Den Mitarbeitern des Jugendamtes stehen viele Instrumente zur Verfügung. Sie müssen aber genau prüfen, welche jetzt zur Anwendung kommen", sagt Wiebels. „Dabei steht auch im Raum, die Kinder aus den Familien rauszunehmen." Das klingt, besonders in der aufgeheizten Stimmung nach dem Vorfall, vielen zu zögerlich. Auch aus den zuständigen Landesministerien kommt keine hilfreiche Stellungnahme. „Die Jugendämter gehören nicht zu den Strafverfolgungsbehörden. Damit fallen Sanktionierungen nicht in ihren Bereich", teilt ein Sprecher des Familienministeriums auf Anfrage mit. Und in die Zuständigkeit des Familienministeriums fällt die Angelegenheit schon mal gar nicht: „Die kommunalen Jugendämter nehmen ihre Aufgaben im Rahmen der verfassungsrechtlich garantierten Selbstverwaltung in ausschließlich eigener Verantwortung wahr. Das Jugend- und Kinderministerium hat weder eine Fach- noch Rechtsaufsicht über deren Handeln." Im Justizministerium scheint man sich immerhin mit der Frage auseinanderzusetzen, ob es bei schweren Delikten in der Altersspanne zwölf bis 14 Jahren Ausnahmefälle hinsichtlich der Strafmündigkeit geben sollte. Ein Sprecher: „Es wird insbesondere zu prüfen sein, ob eine Veränderung der Reifeentwicklung bei unter 14-jährigen festzustellen ist." Eine grundsätzliche Änderung der Strafmündigkeit sieht man auch hier nicht vor. Präventivmaßnahme bei Haupttäter nicht erfolgreich Vorläufig bleibt also eine Grauzone für Täter, die vom Alter her noch nicht strafmündig sind, deren Tat aber schon als schweres Delikt gilt. Das ist den zuständigen Behörden nicht erst seit der Vergewaltigung in Mülheim klar. Und deshalb gibt es Maßnahmen wie „Kurve kriegen", eine kriminalpräventive Initiative der Landesregierung NRW für kriminalitätsgefährdete Kinder und Jugendliche. Hier hat der 14-jährige Haupttäter aus Mülheim bereits teilgenommen – in den Augen von Kinderschutzforscher Böwer ein Anlass, die Umsetzung dieser Hilfen in Mülheim zu prüfen. "„Die hatten den schon ganz früh auf dem Radar. Was nicht verwundert: Mülheim ist in frühen Hilfen eine Modellstadt in Deutschland. Die haben schon vor Jahren angefangen, besondere Maßnahmen für den frühen Kinderschutz zu entwickeln." Erfolgreich seien solche Maßnahmen aber eben nicht immer. „Das hängt von vielen Faktoren und den Hintergründen des Vorfalls ab, die ich von hier aus nicht beurteilen kann: Wesentlich ist zum Beispiel eine gute Zusammenarbeit von Polizei und Sozialarbeitern, ob die an einem Strang ziehen. Oder: Wie abgeschottet leben die Familien der Täter? Gibt es noch andere Problemfelder, wie etwa Gewalt oder eine Suchtthematik in der Familie?" Täter verdienen auch Schutz Trotz dieses schlimmen Vorfalls spricht sich Böwer aber für die Jugendämter aus: „Denn man darf nie vergessen: Diese Täter sind Kinder, die auch geschützt werden müssen. Von außen betrachtet weiß keiner, was denen passiert ist. Viele Täter sind selbst als Kinder missbraucht worden. Was ist falsch gelaufen und was ist jetzt über Schulverweise hinaus nötig, damit der Gewaltkreislauf für sie durchbrochen wird? Das herauszufinden und damit angemessen umzugehen, ist und bleibt Sache des Jugendamtes und von Fachdiensten etwa des Kinderschutzbundes." Und dennoch bleibt am Ende eine Frage offen. Nämlich die, was eigentlich passieren müsste, damit Kinder, deren eigenes Wohl nicht unmittelbar gefährdet ist, umgehend aus einem Umfeld genommen werden, in dem sie keinerlei Regeln oder Werte kennengelernt und deshalb dem Wohl von jemand anderem erheblich geschadet haben.

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