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Pusteblumen stehen auf einem Garagenhof, auf dem drei Schüler einen Lehrer der angrenzenden Schule mit Hämmern ermorden wollten. - © dpa
Pusteblumen stehen auf einem Garagenhof, auf dem drei Schüler einen Lehrer der angrenzenden Schule mit Hämmern ermorden wollten. | © dpa

Schockierender Fall Nach Mordplänen von Schülern: Lehrer veröffentlicht bewegende Stellungnahme

In seinem Post bei Facebook wehrt sich der Lehrer gegen Instrumentalsierung seines Falls vom rechten Rand der Gesellschaft

23.05.2019 | Stand 23.05.2019, 05:59 Uhr

Dortmund. Seit mehr als einer Woche ermittelt die Polizei gegen drei Schüler, 16, 17 und 18 Jahre alt, die die Ermordung ihres Lehrers geplant haben sollen. Sie hatten den Lehrer der Martin-Luther-King-Gesamtschule in Dortmund in einen Hinterhalt gelockt, um ihn mit Hammerschlägen zu töten. Als das misslingt, verabreden sie einen neuen Versuch. Ein Vorgehen, dass viele Menschen fassungslos zurücklässt und zu vielen Debatten auch im Netz geführt hat - über Nationalitäten, Herkunft und Integration. Jetzt hat sich der betroffene Lehrer Wolfgang W. bei Facebook mit einem bewegenden Post selbst zu Wort gemeldet. "Es geht mir wirklich gut" "Meine lieben Freunde, Schüler, Exschüler, Kollegen und Bekannte", schreibt Wolfgang W. einleitend und betont: "Es geht mir wirklich gut! Ich werde gerade getragen von einer Welle der Zuneigung und Anerkennung, die jeder Mensch einmal in seinem Leben erfahren sollte. Es muss niemand Sorge haben, dass ich die Lust an meinem Job verloren haben könnte, dass ich Angst hätte, zur Arbeit zu gehen oder Schülern mit mehr Misstrauen begegnen würde." Weiter dankt W. vor allem seiner Frau, seinen Freunden, Kollegen und der Polizei "für die Hilfe in der schweren Zeit". Und er betont auch: "Meine Schule, ganz besonders die Schulleitung, hat mich immer und jederzeit unterstützt. Meine Kollegen sind ein Traum." Über die Arbeit der Polizei schreibt er: "Ich möchte mich an dieser Stelle von jedem Kommentar, der die Polizeiarbeit in meinem Falle verunglimpft, distanzieren!" "Ich möchte nicht vom rechten Rand der Gesellschaft instrumentalisiert werden" Sehr deutlich macht W. klar, dass er nicht "vom rechten Rand der Gesellschaft  instrumentalisiert werden möchte."  „Was der Haupttäter getan hat, war absolut verwerflich. Aber ich weigere mich, es an seiner Nationalität oder seinem religiösen Bekenntnis festzumachen. Es war eine Frage seines individuellen Charakters. Zeigt doch bitte einen anderen Charakter und beteiligt euch nicht an rechter Hetze.  Es ist nicht in meinem Sinne und es wird in diesem speziellen Fall der Sachlage noch weniger gerecht, als ihr annehmt", betont W. weiter. Um seine Haltung zu illustrieren, liefert W. ein Beispiel aus seiner Arbeit: „In einem Jahr saßen in meinem Unterricht unter Anderem ein Deutscher (mit polnischen Wurzeln), ein Perser und ein Deutscher mit türkischen Wurzeln. Der eine ist mittlerweile in der Presse bekannt als führender Vertreter der Neonazis. Ich konnte mich dennoch mit ihm unterhalten, weil er während der Schulzeit bemerkt hat, dass seine von mir abgelehnten politischen Überzeugungen keinen Einfluss auf meine Behandlung seiner Person im Unterricht hatten. Der Perser hat unsere Schule auch aufgrund einer von meinen Noten ohne Abschluss verlassen. Dennoch ist er mit mir bis heute befreundet. Er hat mir, meiner Frau und meinem Sohn die Haare geschnitten, mir beim Umzug geholfen. Als er während seiner Ausbildung ein „Opfer" brauchte, ließ ich mir von ihm die Haare schneiden. Seine Mutter hat dazu gekocht und ich wurde deshalb zu ihm nach Hause eingeladen." "An unserer Schule müssen wir die Leistung bewerten" Wolfgang W. schreibt weiterhin: „Der Türke hat von den Dreien am erfolgreichsten die Schule absolviert. Trotz schwieriger Umstände. Und er hat sich um Integration bemüht. Ohne Erfolg. Er hat mir noch im letzten Jahr gesagt: ‚Die Deutschen wollen den Kanaken, also kriegen sie den Kanaken, ich bin es leid.‘ Ich bin Deutscher. Und wenn ich ihn brauche, ist er da. Sofort." W. formuliert zudem in seinem Post: "Alle drei haben etwas Wichtiges gelernt, auch der Neonazi: An unserer Schule müssen wir die Leistung bewerten. Und wir versuchen auch den Menschen zu bewerten. Und diese zwei Dinge sind nicht deckungsgleich.  Ich konnte mit dem Neonazi reden, weil ich zunächst einmal anerkannt habe, was er schulisch geleistet hat. Er wusste, dass meine Ablehnung keine totale war. Der Perser ist zu meinem Freund geworden, weil er wusste, dass ich ihn als Mensch völlig unabhängig von seiner schulischen Leistung sehr geschätzt habe. Und der Türke weiß bis heute, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die ihm die Integration in unsere Gesellschaft verweigert haben."

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