Blick auf die Internetseite des Präventionsprogramms "Kein Täter werden". - © picture alliance
Blick auf die Internetseite des Präventionsprogramms "Kein Täter werden". | © picture alliance

Wissenschaft Kindesmissbrauch: Forscher untersuchen, wie es zur Täterschaft kommt

Der Forschungsverbund „NeMUP" erforscht die Ursachen von Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch. Die Erkenntnisse können dazu beitragen, effektivere Therapieformen für Pädophile zu entwickeln

Bielefeld. Seit sieben Jahren beschäftigt sich der Forschungsverbund „NeMUP" mit den neurobiologischen Ursachen von Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch. Die Erkenntnisse des vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekts könnten beispielsweise dazu beitragen, effektivere Therapieformen für Pädophile zu entwickeln und so gezielt zur Prävention von Missbrauch beitragen. Der Forschungsverbund umfasst die Standorte Kiel, Hannover, Essen, Magdeburg und Berlin und arbeitet mit Einrichtungen aus dem Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden" zusammen. Eine Besonderheit der Arbeit des Verbundes liegt in der enorm großen Zahl der Teilnehmer, die an den Befragungen und Untersuchungen teilgenommen haben. Somit ist ein riesiger Datensatz entstanden, auf den die Wissenschaftler zurückgreifen können. „Unsere Stichprobe ist eine der größten, die es in diesem Zusammenhang international gibt", sagt Prof. Tillmann Krüger, Sprecher von „NeMUP". Zur Beantwortung ihrer Fragestellungen haben die Forschenden hinsichtlich der Gehirnstruktur vier Gruppen miteinander verglichen: Pädophile Männer, die zum Täter geworden sind; pädophile Männer, die keine Täter sind; Männer, die sexuellen Kindesmissbrauch begangen haben, ohne eine pädophile Neigung zu haben und eine Vergleichsgruppe gesunder Männer. Insgesamt haben rund 300 Männer am Projekt teilgenommen. Um Probanden zu finden, haben die Wissenschaftler unter anderem Gefängnisse aufgesucht. Täter haben häufiger selbst Missbrauch erlebt, als andere Im allgemeinen Diskurs geht man bislang davon aus, dass etwa die Hälfte der Täter, die sexuellen Missbrauch begehen, pädophil ist. Bei der anderen Hälfte geht man davon aus, dass die Täter die sexuelle Neigung nicht haben, und dennoch zum Täter gegenüber Kindern geworden sind. Wie Tillmann Krüger berichtet, haben die Wissenschaftler jedoch große Schwierigkeiten damit gehabt, Täter ausfindig zu machen, die tatsächlich keine pädophile Neigung aufwiesen. Sie gehen daher davon aus, dass der Anteil der pädophilen Täter in Wahrheit größer ist. Trotzdem sei Pädophilie nicht automatisch mit sexuellem Kindesmissbrauch gleichzusetzen, betont Krüger. Eine der Erkenntnisse der Forschung lautet, dass sowohl Pädophile, als auch pädophile Täter und reine Täter verglichen mit der Vergleichsgruppe wesentlich häufiger an psychischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen litten. Eine These, die sich daraus ableiten lasse, sei, dass eine pädophile Störung meist von weiteren Störungen begleitet wird. Bei allen drei Gruppen, aber besonders bei den reinen Tätern fiel auf, dass diese in ihrem Leben häufiger selbst Missbrauch und Vernachlässigung erlebt hatten als Kontrollprobanden. Befunde liefern Erkenntnisse darüber, wie es zur Täterschaft kommt Entgegen der Erwartungen fanden die Wissenschaftler zudem heraus, dass die Teilnehmer der beiden pädophilen Gruppen keine besonderen Auffälligkeiten in ihrer Hirnstruktur und -funktion aufwiesen. „Es konnten keine ausgeprägten neuropsychologischen Funktionsstörungen oder Auffälligkeiten der Hirnstruktur als Merkmal der Pädophilie nachgewiesen werden", sagt Krüger. Die Gehirne der untersuchten Männer seien also grundsätzlich gesund. In erster Linie können die Befunde Erklärungsansätze dazu liefern, wie es zu einer Täterschaft kommt. Bei denjenigen, die nicht zum Täter geworden sind, habe sich beispielsweise gezeigt, dass sie eine bessere Impulskontrolle hatten, sagt Krüger. Die Gruppe der Nicht-Täter zeigte außerdem ein hohes Maß an Empathie. Bei den Tätern sexuellen Missbrauchs konnten neurobiologische Auffälligkeiten in den für emotionale Verarbeitung und Handlungskontrolle relevanten Hirnarealen gefunden werden. Wie Krüger erklärt, seien die Befunde von Bedeutung für die Verbesserung von therapeutischen Ansätzen zur Verhinderung sexueller Gewalt. Die Wissenschaftler vermuten, dass eine pädophile Neigung früh und subtil – vermutlich pränatal, also im Mutterleib, angelegt wird. Dafür spreche, dass es bisher keine schlüssigen Erklärungsmodelle dafür gebe, dass sich die sexuelle Neigung durch bestimmte Faktoren im Laufe eines Lebens entwickelt oder aber durch therapeutische Interventionen leicht veränderbar wäre. Nach dem internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten (IDC-10) wird Pädophilie zu den Störungen der Sexualpräferenz gezählt. Unterschieden wird mittlerweile zwischen einer Pädophilie und einer pädophilen Störung. Eine pädophile Störung besteht dann, wenn der Betroffene seinen sexuellen Drang auslebt oder ihm dieser deutliches Leiden zufügt.

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