Der Wiederaufbau der schwer beschädigten Parier Kathedrale wird wie ein Feldzug geplant. - © picture alliance
Der Wiederaufbau der schwer beschädigten Parier Kathedrale wird wie ein Feldzug geplant. | © picture alliance

Paris Notre Dame: Wiederaufbau wird geplant wie ein Feldzug

Über Dauer und Art der Rekonstruktion jedoch gehen die Meinungen weit auseinander. Ein großer Regenschirm soll die beschädigte Pariser Kathedrale Notre-Dame vor Wasser schützen.

Paris. Von der Baustelle des Jahrhunderts sprechen die französischen Medien. Gemeint ist natürlich die Rekonstruktion der in der Nacht auf Dienstag durch ein Großfeuer teilzerstörten Pariser Kathedrale Notre Dame. Gerade weil der weltberühmte Prachtbau um ein Haar völlig niedergebrannt wäre, gerade weil der Schock, den die stundelang lichterloh brennende Basilika hervorrief, unseren Nachbarn immer noch in den Knochen steckt, gibt es in Frankreich derzeit kein anderes Thema. Für Anette M. kam die brennende Kathedrale einer „Bedrohung meines Lebens und meiner Weltsicht" gleich. Die Rentnerin steht an einem der Absperrgitter, die in einem großen, gut zwei Drittel der Seineinsel „Ile de la Cité" einbeziehenden Bogen jeden daran hindern, sich Notre Dame zu nähern. Die Wohnung von Anette M. liegt in diesem Sperrbereich, sie und ihr Mann wurden wie die meisten unmittelbaren Anwohner der Kathedrale erst einmal ausquartiert. „Eine Sch…-Situation, wir haben nicht einmal Kleidung zum Wechseln", erzählt sie, fügt jedoch sofort hinzu: „Es gibt Schlimmeres, ganz fraglos. Denn wenn es Notre Dame nicht mehr geben würde, hieße das für mich, das buchstäblich alles von heute auf morgen verschwinden könnte." Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat versprochen, dass Notre Dame wieder aufgebaut wird, innerhalb von fünf Jahren und „schöner als zuvor". An diese Ansage will nicht nur Annette M. glauben, obwohl viele Experten den Zeitrahmen für viel zu eng halten. „Selbst wenn man Notre Dame in zehn Jahren komplett rekonstruieren wollte, wäre das eine kaum zu bewältigende Herkulesaufgabe", meint Fréderique Létoffé, Vorsitzender des Verbandes der auf Denkmalschutz und -pflege spezialisierten Unternehmer. Macron scheint felsenfest entschlossen In seinen Augen wird „allein die Absicherung der Kathedrale und die genaue Bestandsaufnahme der Schäden, die jeder Restauration vorangehen, eineinhalb bis zwei Jahre dauern." Aber Macron scheint felsenfest entschlossen, sein Versprechen einzulösen. Mit dem Fünf-Sterne-General Jean Louis Georgelin beauftragte er einen ehemaligen Generalstabschef der französischen Streitkräfte den offenbar wie einen Feldzug geplanten Wiederaufbaus zu koordinieren. „Wenn Geld keine Rolle spielt und bei der Restauration nicht auf Originaltreue bestanden wird, könnte die Fünf-Jahres-Frist genügen", urteilt der renommierte Architekt Jean-Michel Wilmotte. Der Einsatz moderner Technik und moderner Baustoffe würden die Arbeiten erheblich beschleunigen. Als Beispiel, mit dem sich allein zwei Jahre gewinnen ließen, nennt Wilmotte die Rekonstruktion des zerstörten Dachstuhls aus Holz, wenn dieser durch eine Stahl- oder Betonkonstruktion ersetzt werde. Tatsächlich steht bereits fest, dass der Wiederaufbau auf gar keinen Fall auf Finanzierungsproblemen stoßen wird. In knapp 48 Stunden sind Spendenzusagen in Höhe von einer Milliarde Euro eingegangen, was die Kosten (erste Schätzungen sprechen von 700 bis 850 Millionen Euro) höchstwahrscheinlich vollständig abdeckt. Allein die drei reichsten Familien des Landes sind bereit, zusammen eine halbe Milliarde Euro in die Waagschale zu werfen. Weitere Millionenbeträge sagten Unternehmen aus aller Welt zu und auch die Spendenaufrufe mehrerer französischer Denkmalschutz-Organisationen spielten in kürzester Zeit mehr als 150 Millionen Euro ein. Spendenwelle überwältigt Frankreich „Es ist überwältigend", kommentiert der für die Renovierung historischer Baudenkmäler in Frankreich zuständig Fernsehmoderator und Macron-Vertraute Stéphane Bern die Spendenwelle: „Beinahe jeder Bürger scheint etwas für den Wiederaufbau von Notre Dame geben zu wollen, und seien es nur 5 oder zehn Euro. Darüber hinaus steht uns die ganze Welt zur Seite". Derweil haben die ersten Arbeiten zur Sicherung von Notre Dame bereits begonnen. Sie betreffen insbesondere den Abbau oder das Abstützen einsturzgefährdeter Teile der Fassaden. Zudem gilt es, die des größten Teils ihres Dachs beraubten Pariser Kathedrale vor weiteren, witterungsbedingte Schäden zu bewahren. In den nächsten Tagen soll sie daher einen Regenschirm in Form einer in 40 Meter Höhe über sie gespannten Schutzplane erhalten.

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