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Leerrohre für Glasfaserleitungen für schnelles Internet werden in einem Dorf in der Region Hannover verlegt. - © picture alliance/dpa
Leerrohre für Glasfaserleitungen für schnelles Internet werden in einem Dorf in der Region Hannover verlegt. | © picture alliance/dpa

Bielefeld Die Zukunft des ländlichen Raums hängt am Glasfaserfaden

Das Internet ist die Chance für ländliche Räume. Vielerorts wird es schon für viele Lebensbereiche genutzt, doch es gibt noch viel mehr ungenutztes Potenzial

Friderieke Schulz
22.01.2019 | Stand 23.01.2019, 18:22 Uhr

Bielefeld. Hausärztemangel, Mobilitätsdefizit und demografischer Wandel: Themen, die ländlichen Regionen wie Ostwestfalen-Lippe deutlich intensiver treffen, als urbane Ballungszentren. Kein Wunder, dass es viele dorthin zieht, wo das Leben blüht und alles möglich scheint. Doch ist das Landleben deswegen vom Aussterben bedroht und nur noch für Aussteiger eine Option? „Nein", sagt Anke Knopp. Die Buchautorin und Beraterin in Sachen digitale Transformation sieht gerade in der Digitalisierung die Chancen für eine Vitalisierung von ländlichen Gebieten. Für ihr Buch „Das neue digitale Landleben" ist sie unter anderem durch Ostwestfalen-Lippe gereist, hat die Menschen auf dem Land gefragt, was sie brauchen, und ist dabei auf viele smarte Bürger und digitale Ideen gestoßen. „Die Zukunft hängt am Glasfaserfaden" ist nicht nur der Titel eines Kapitels, sondern auch ihre feste Überzeugung. Die Landbevölkerung hat bereits viele Jahre verloren, in denen die politischen Entscheidungen hin und hergeschoben wurden. Für Knopp ist die Sache klar: „Glasfaser ist eine Daseinsvorsorge und eine staatliche Pflicht." Viele Angebote könnten einfach digital erweitert werden Die Chance dahinter: Viele Probleme, mit denen vor allem die Menschen in ländlichen Regionen konfrontiert sind, könnten gelöst werden. Knopp kennt einige Lösungsideen, die großes Potential haben. Mitfahrbänke, wie es sie zum Beispiel im Warburger Land gibt, sind eine gute Idee. Wenn die Fahrer allerdings online eintragen könnten, wann sie planen den Ort mit dem Auto zu verlassen, könnten lange Wartezeiten auf der Bank vermieden werden. Ein anderes Beispiel ist die Pflege. "Städte wie Berlin werben jetzt bereits damit, dorthin zu ziehen: Zieh jetzt nach Berlin, wenn du alt bist musst du es sowieso, weil deine Kinder dort leben." Die Vorstellung, ihren Sohn in die Pflicht zu nehmen, wenn es um ihre eigene Pflege geht, findet die Autorin allerdings alles andere als gut. "Die Zeiten haben sich geändert. Es kann und sollte nicht mehr selbstverständlich sein, dass sich die Tochter um die Pflege der Eltern kümmert." Pflege-Avatare Am Citec in Bielefeld hat sie eine spannende Forschung gesehen. Dort werden Pflegeavatare entwickelt. Man kann sich aussuchen, wie er aussehen soll, ob es Mann oder Frau, alt oder jung sein soll und auch, welche Charaktereigenschaften der oder die jenige mitbringen soll. "Mein Avatar wird mal einen sehr schwarzen Humor haben und mir morgens sagen, dass ich herrlich scheiße aussehe", sagt Knopp und lacht.  Trauig findet sie, dass diese Technologien kaum jemandem bekannt sind und es noch immer an der Grundvoraussetzung, schnellem Internet, mangelt. "Wenn ich acht Stunden brauche um einen vier Minuten langen Film auf Youtube hochzuladen, dann ist das Netz eindeutig zu langsam, da gibt es auch nichts zu diskutieren." Das Unverständnis darüber hat sie, wie sie selbst sagt, radikalisiert. Schon vier bis sechs Jahre sind verschenkt „Wir haben schon vier bis sechs Jahre verschenkt", ärgert sich die Gütersloherin. Es könne nicht sein, dass beispielsweise ganze Generationen die Schule verlassen, ohne in Sachen Digitalisierung etwas gelernt zu haben. „Und das Stadt-Land-Gefälle wir immer massiver." Vielerorts reagieren die Bürger, starten Initiativen, endlich gutes Netz zu bekommen. Doch die Kosten lassen viele am Ende dennoch zurückweichen. "Wobei so ein Anschluss eine absolute Aufwertung der Wohnlage und letztendlich auch von Preis des Grundstückes selbst ist." Dabei könnte es so einfach sein, wenn man die Menschen fragen würde, was sie eigentlich brauchen. So hat es Knopp bei der Recherche zu ihrem Buch getan und vieles herausgefunden, was nicht selbstverständlich scheint: Senioren, die sich gut vorstellen können, dass ihnen ein Roboter das Wasser bringt, oder Bürger, die sich Behördengänge über einfache Onlinewege wünschen. Leider ist das Zukunftsmusik. Auch wenn Privatunternehmen bereits zeigen, wie Nutzerfreundlich eine Webseite sein kann: „Es ist einfacher im Onlineshop etwas zu kaufen, als für das Bürgerbüro online einen Termin abzuschließen." Viele gute Projekte laufen bereits Dabei gibt es auch in OWL viele digitalen Projekte auf dem Land, die zeigen, wie viel bewegt werden kann: Landwirte, die ihre Kühe über einen Chip tracken oder Coworking Space Angebote, die Pendlerströme verhindern. Der Wille zur Veränderung ist nirgendwo größer, als auf dem Land. In der Zukunft findet die Digitalisierung dann in jedem Bereich des Lebens statt. Vom Leben übers Wohnen, Produzieren, Kommunizieren oder Konsumieren. „Das wären 100 Prozent meiner Zukunftsvision. Ich glaube das wird niemals eintreten. Aber die Hälfte sollte in etwa 15 Jahren real sein. Es braucht leider noch Jahre, um die Angststarre vor der Worthülse Digitalisierung zu überwinden", sagt Knopp. Wer wirklich wissen wolle, wo die Digitalisierung hinführe, müsse sich Länder wie China oder Schweden anschauen. Der ländliche Raum hat das Potential zur Zukunftsstärke "Hier steht der Wunsch am Ende noch vor vielen Hürden", sagt die Gütersloherin. Zum Beispiel wenn es ums Homeoffice oder Coworking Spaces geht. "Die meisten Arbeitgeber proklamieren es. Am Ende hat ein Großteil von ihnen aber Panik, die Kontrolle über die Mitarbeiter zu verlieren." Das müsse sich erst ändern und auch dann seien Punkte, wie etwa eine schlechte Mobilität nicht erledigt. Und es steckt viel Potential im ländlichen Raum. Die Menschen kennen und können Wandel. Das haben sie schon immer bewiesen. Manchmal bedarf es nur einer kleinen Hilfestellung und die möchte Knopp liefern: "Ich möchte Impulse geben, Weltenwandler sein, die Dialoge und Zukunftsschauen der Dörfer unterstützen." Wenn es so weiter geht, wie bisher, sieht Knopp den Wohlstand der Gesellschaft gefährdet. "Die Realpolitiker wissen aus Jahrzehntelanger Erfahrung, bei welchen Themen sie sich eine blutige Nase holen. Ich wünschte mir einfach wieder etwas mehr Gemeinwohlgedanke in der Politik."

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