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Besonders, wenn sie eine Kippa tragen, werden Juden in Europa antisemitisch angegriffen. - © picture alliance / ZUMAPRESS.com
Besonders, wenn sie eine Kippa tragen, werden Juden in Europa antisemitisch angegriffen. | © picture alliance / ZUMAPRESS.com

Antisemitismus EU-Studie: Juden werden in Deutschland am häufigsten angefeindet

10.12.2018 | Stand 10.12.2018, 18:09 Uhr

Wien (dpa/epd). Ein Großteil der jüdischen Bevölkerung in der Europäischen Union hat laut einer Studie das Gefühl, dass der Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren deutlich zugenommen hat. In Deutschland werden Juden am häufigsten angefeindet. 41 Prozent der Befragten wurden im zurückliegenden Jahr Opfer einer Belästigung, die nach ihrem Urteil gegen sie als Juden gerichtet war, wie aus einer am Montag in Brüssel und Wien vorgestellten Studie der EU-Grundrechteagentur (FRA) hervorgeht. In allen Ländern zusammen, in denen der Großteil der jüdischen EU-Bevölkerung lebt, lag der durchschnittliche Wert bei 28 Prozent. Insbesondere Jüngere angegangen Nimmt man die fünf zurückliegenden Jahre, so lag die Zahl für Deutschland sogar bei 52 Prozent und im Schnitt der zwölf EU-Länder bei 39 Prozent. Im europäischen Durchschnitt waren es meist Jüngere (16-29 Jahre), die von Anfeindungen berichteten, nämlich 46 Prozent aus dieser Altersgruppe in den zwölf zurückliegenden Monaten. Insgesamt stieg die Häufigkeit, wenn sie beispielsweise durch eine Kippa als Juden erkennbar waren. In Deutschland bestanden die Anfeindungen den Befragten zufolge meist aus persönlichen Beleidigungen und Drohungen, außerdem aus Gesten und Anstarren sowie bösartigen Kommentaren im Internet. Auffällig ist - wie schon andere Studien gezeigt haben - dass Antisemitismus keine Einstellung allein des rechten Rands ist. Zu den häufigen Täter-Gruppen zählten Menschen mit extrem muslimischen Einstellungen (30 Prozent), gefolgt von Menschen aus der eher linken Szene (21 Prozent), Arbeits- oder Schulkollegen (16 Prozent), Menschen aus dem Bekanntenkreis (15 Prozent) und Personen mit eher rechtsextremen Ansichten (13 Prozent). Antisemitismus im Netz 40 Prozent der mehr als 16 000 Befragten machen sich laut Studie Sorgen, dass sie in den nächsten Monaten Opfer eines gewalttätigen Angriffs aufgrund ihrer Religion werden könnten. Tatsächlich passiert ist das in den vergangenen zwölf Monaten laut der Studie nur zwei Prozent der Befragten. Fast jeder Dritte wurde aber Opfer einer Belästigung oder Beleidigung. Aus der Erhebung geht hervor, dass die Schauplätze für Antisemitismus vor allem das Internet und die Sozialen Medien sind. Zu den gerade im Internet verbreiteten antisemitischen Vorurteilen zählen laut der FRA-Studie Aussagen wie "Israelis benehmen sich wie Nazis gegenüber den Palästinensern", "Juden haben zu viel Macht" und "Juden nutzen die Opferrolle im Holocaust für ihre eigenen Zwecke aus". "Die Ergebnisse zeigen, dass Antisemitismus in der Öffentlichkeit präsent ist, dabei werden negative Klischees wiederholt und eingeprägt", heißt es in der Studie. Anzeigen selten Viele Juden melden Schikanierungen demnach gar nicht der Polizei. 80 Prozent derer, die solche Erlebnisse hatten, seien weder zur Polizei noch zu sonstigen Organisationen gegangen, schrieb die Agentur. Grund dafür sei oft der fehlende Glaube, dass sich durch eine Anzeige etwas ändern würde. Viele fanden die Bedrohung oder Belästigung laut Organisation auch nicht ernsthaft genug, um sie zu melden. Diese Erkenntnisse ähneln stark denen aus einer kürzlich veröffentlichten Studie der Agentur über Schwarze in Europa. Auch in dieser Gruppe melden demnach die wenigsten Opfer von Diskriminierungen die Vorfälle - unter anderem, weil sie der Polizei nicht vertrauen oder Angst vor ihr haben. Insgesamt legt die Studie über die jüdische Bevölkerung nahe, dass für viele der Antisemitismus schon so verbreitet sei, dass einzelne Vorkommnisse unbedeutend seien. "Aber jeder antisemitische Vorfall ist in seinem Kern eine Attacke auf die Würde eines Menschen und kann nicht als lästig abgetan werden», mahnen die Autoren. "Jüdische Gemeinschaft muss sich in Europa sicher fühlen" Der Direktor der Grundrechteagentur, Michael O'Flaherty, nannte es „erschütternd", dass „Antisemitismus in der EU Jahrzehnte nach dem Holocaust weiter zunimmt". „Die Mitgliedstaaten müssen diese Entwicklung zur Kenntnis nehmen und sich intensiver bemühen, der Judenfeindlichkeit vorzubeugen und sie zu bekämpfen." EU-Vizekommissionschef Frans Timmermans erklärte: „Die jüdische Gemeinschaft muss sich in Europa sicher und zu Hause fühlen. Wenn wir das nicht erreichen können, hört Europa auf, Europa zu sein." In Deutschland forderte der Zentralrat der Juden, dass die EU-Staaten „sich viel stärker als bisher im Kampf gegen Antisemitismus engagieren". „Antisemitismus als Normalfall - das darf Europa als Kontinent der Aufklärung nicht hinnehmen", erklärte Zentralrats-Präsident Josef Schuster. Die Bundesregierung zeigte sich betroffen. „Die Nachricht ist erschütternd", sagte die Sprecherin des Bundesinnenministeriums, Eleonore Petermann. Dass in dieser Wahlperiode ein Beauftragter für jüdisches Leben bestellt wurde, sei Beweis, dass die Bundesregierung bei dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehe, ergänzte sie.

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