Bundeskanzlerin Angeka Merkel gibt am Freitag den CDU-Vorsitz ab. Eine Ära endet. - © picture-alliance / dpa
Bundeskanzlerin Angeka Merkel gibt am Freitag den CDU-Vorsitz ab. Eine Ära endet. | © picture-alliance / dpa

Parteitag am Freitag Angela Merkel gibt den CDU-Vorsitz ab: Was von ihrer Amtszeit bleibt

Angela Merkel gibt am Freitag den Vorsitz ihrer Partei ab. Es ist eine Zäsur, auch für Deutschland. Ein Rückblick auf eine erstaunliche Karriere – und ein Ausblick auf die Zukunft der Union

Gordon Repinski

Berlin. An einem ungemütlichen Winterabend des Jahres 1990 läuft Angela Merkel in Bonn in Richtung des Hotels Maritim zu einer Weihnachtsfeier, als sie hinter sich Heiner Geißler entdeckt. Sie bleibt stehen, blickt verloren durch die kalte Luft ihres neuen Arbeitsortes. Gescheit, aber noch etwas ängstlich Geißler, damals Generalsekretär, erkennt sie, die junge Frau aus dem Osten, in einer ihrer ersten Parlamentswochen. Er nimmt sie bei der Feier mit zu sich an den Tisch, sie unterhalten sich erstmals. Sie habe gescheit, aber auch noch etwas ängstlich und hilflos auf ihn gewirkt, erinnerte sich Geißler später. Die Neue in Bonn. 28 Jahre später läuft Angela Merkel wieder in jenes Hotel Maritim, wieder ist es kalt und ungemütlich. Dieses Mal ist sie umgeben von einer Traube von mehreren Dutzend Beratern, Dolmetschern, Hauptstadtjournalisten und Polizisten mit Knopf im Ohr. Es ist der vergangene Donnerstag, eigentlich wollte Merkel gerade auf dem Weg zum G-20-Gipfel nach Buenos Aires sein. Ein Fehler an der Technik zwang die Kanzlermaschine zur Umkehr – und Merkel zur unfreiwilligen Rückkehr in das Hotel, in dem vor 28 Jahren mit dem Kontakt zum mächtigen Heiner Geißler ein erster Schritt in der großen Parteikarriere der Angela Merkel gemacht wurde. Aus dem Nichts nach oben Zwischen 1990 und 2018 liegt mehr als nur eine politische Laufbahn. Es sind 28 Jahre, in denen sich Angela Merkel von einer Quereinsteigerin aus der Wissenschaft zur mächtigsten Frau der Erde entwickelt hat, die auf großen Gipfeln ein Fixpunkt für Staatschefs aus aller Welt geworden ist. Und es liegt eine Parteikarriere in diesen 28 Jahren, die es in sich hat. Aus dem Nichts hat sich Angela Merkel den Weg nach oben gebahnt und in der größten Krise der CDU seit ihrem Bestehen beherzt zugegriffen. Seit der Schwarzgeldaffäre des Jahres 2000 war Merkel Parteichefin. Ab dem Freitag dieser Woche, ab dem Hamburger Parteitag, wird sie es nicht mehr sein. Es ist eine Zäsur für die CDU. Es ist eine Zäsur für Deutschland. Merkel hat die CDU umgekrempelt Drei Parteichefs haben die CDU in der Nachkriegszeit geprägt. Konrad Adenauer hat die Bindung Deutschlands an den Westen vollzogen. Helmut Kohl hat die Wiedervereinigung vollbracht und Europa zusammengeführt. Mit Angela Merkel ist die CDU in der Moderne angekommen. Nicht nur, weil sie die erste Ostdeutsche, die erste Frau an der Spitze der westdeutschen Männerpartei wurde – sondern auch, weil sie die CDU gesellschaftspolitisch umgekrempelt hat. Die Partei, die sich Ende der Neunzigerjahre in Teilen noch weigerte, Vergewaltigung in der Ehe als Straftat anzuerkennen, hat unter Merkel das Elterngeld, den Kita-Ausbau und die Ehe für alle beschlossen. Doch Merkels Weg war immer auch umstritten. Die Verluste bei Wahlen und Umfragen bringen viele in der Partei mit ihrer Politik in Verbindung, die sie als konturlos und beliebig empfinden, als nicht konservativ genug. Und so wird der Parteitag in Hamburg nicht nur darüber entscheiden, ob Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Jens Spahn Merkel an der Parteispitze beerben werden – es wird zugleich auch darum gehen, wie viel aus der Ära der ersten Parteichefin der CDU bleiben darf. „Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, die CDU mit ihr" Doch kann es tatsächlich ein Zurück in die Vergangenheit geben? „Viele der Entscheidungen der Ära Merkel zur Modernisierung der CDU waren Richtungsentscheidungen, die sich behaupten werden", glaubt Verteidigungsministerin und Parteivize Ursula von der Leyen. „Die Entscheidungen zur Gesellschafts- und Familienpolitik sind unumkehrbar. Elterngeld, Kita-Plätze und ein gut gemachter Mindestlohn sind breit akzeptierte Realität." Von der Leyen ist neben Merkel das Gesicht der Modernisierung der CDU. Als Merkel 2005 Kanzlerin wurde, holte sie von der Leyen aus Hannover als Familienministerin in ihr Kabinett. Elterngeld und Kita-Ausbau hat von der Leyen umgesetzt. Ein dringend nötiger Weg, betont von der Leyen heute: „Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, die CDU mit ihr." Widerstand gegen Flüchtlingspolitik führte letztlich zum Rückzug Doch so selbstverständlich wurde Merkels Weg von vielen nicht hingenommen. Akzeptierte die Partei die familienpolitischen Veränderungen oder auch die Aussetzung der Wehrpflicht noch murrend, spürte Angela Merkel seit 2015 gerade in der Migrationspolitik die Grenzen des Liberalismus in der Union. Der Widerstand gegen ihre Flüchtlingspolitik hat Merkel letztlich zu dem Rückzug gebracht, den sie nun vollzieht. Nach einem Jahr, das auch Merkel an ihre Grenzen gebracht hat. Der ewige Spott über Merkels Aussehen An einem Freitag Ende Juni besucht Merkel eine Schule für Flüchtlinge in Libanons Hauptstadt Beirut. Auf dem Schulhof spielen die Kinder Fuß- und Basketball, machen Geschicklichkeitsspiele. Merkel mischt sich fast eine Stunde lang unter die Schüler, wirft einen Basketball mit einigen Mädchen hin und her, albert herum, streckt einem Mädchen zum Spaß die Zunge heraus. Was für manchen Politiker kein Problem wäre, ist für Merkel ein Moment dramatischer Anspannung. Die herumfliegenden Bälle bergen jederzeit das Risiko eines unerwarteten Abprallers, der Merkel irgendwo im Gesicht treffen könnte und dessen Bild am nächsten Tag die Titelseiten der Zeitungen schmücken würde. Merkel hasst diese Vorstellung, denn in 18 Jahren an der Spitze der Union musste sie viel Spot über ihr Aussehen ertragen. Seitdem minimiert sie die Gefahren. Doch an diesem Tag in Beirut ist die Lage anders. Sie muss jetzt ein Risiko eingehen, es geht um sie selbst. Mitten im erbittertsten Streit innerhalb der Union will die Kanzlerin die Aufmerksamkeit in der Flüchtlingsdebatte wieder auf die Probleme vor Ort lenken, statt sich in virtuellen Debatten um nur noch wenige Flüchtlinge zu verlieren, die man an der deutsch-österreichischen Grenze zurückweisen könnte. Immer wieder kocht das Thema Herbst 2015 hoch Es sind die Tage Ende Juni, in denen Merkel ihren Rückzug an der Parteispitze beschließt, so wird man es später erfahren. Es sind die vielleicht emotionalsten Tage Merkels als Parteichefin. Sie scheint erstmals nicht mehr weiter zu wissen. Sie hadert damit, dass die Kritiker ihrer Flüchtlingspolitik immer wieder den Herbst 2015 neu verhandeln wollen. Merkel glaubt, nur wenn man diese Tage als Teil der Geschichte akzeptiert, könne man wieder frohen Mutes nach vorne marschieren. Ihre Kritiker glauben, nur wenn das Jahr aufgearbeitet wird, kann der Neustart gelingen. Auf ihren Reisen ist Merkel kontrolliert und dann wieder aufgewühlt, je nachdem, ob die Kameras an- oder ausgeschaltet sind. Merkel kämpft. Ausgerechnet Friedrich Merz Doch erst nach der Landtagswahl in Hessen im Oktober folgt der Showdown. Die Landes-CDU von Volker Bouffier rettet sich mit zweistelligen Verlusten als gerupfter Verlierer ins Ziel. Am Morgen danach verkündet Merkel im Parteipräsidium ihren Rückzug von der Parteispitze im Dezember und das Ende ihrer Kanzlerschaft spätestens 2021. Sie trennt die Ämter, obwohl sie es nie wollte. „Ein Wagnis", gesteht Merkel später. Die Sitzungen laufen noch, da verkündet Friedrich Merz über die Bild seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz. Gerade Merz. Merz steht für den Anti-Merkel-Kurs Merz steht wie kein anderer in der Union für den Anti-Merkel-Kurs. Kein Wunder, denn wenn die Nach-Kohl-Ära der CDU Angela Merkel als Überraschungsgewinnerin hervorbrachte, dann war Merz der Überraschungsverlierer. Hoffnungsfroh als Fraktionschef im Jahr 2000 gestartet, musste er mit ansehen, wie Merkel ihn von der Fraktionsspitze verdrängte und ihm die Hoffnung auf die Kanzlerkandidatur nahm. Merz verließ die Politik und wechselte in die Wirtschaft. Wer ihn gelegentlich traf, konnte einen Politiker erleben, der diese Niederlage nie verwunden hat. Nach kurzen Momenten eines Gesprächs kam er, als sei er magnetisch angezogen, auf die Bundespolitik zu sprechen. Auf Angela Merkel und die Dinge, die nicht funktionieren. Die Weichen für die kommenden Jahre werden gestellt Er wollte alles anders machen. Mit seiner Kandidatur ist aus dem Willen nun mehr geworden. Merz und Merkel zusammen? Ab dem Wochenende? Man kann es sich kaum vorstellen. Denn würde sich Merz durchsetzen, müsste er sich von Merkel inhaltlich unterscheiden, wollte er nicht allen Zauber schnell verlieren. Die zweite realistische Kandidatin, Annegret Kramp-Karrenbauer, wäre mit Merkel als Kanzlerin leichter zu verbinden. Doch auch sie müsste sich von der Kanzlerin absetzen. 18 Jahre hat Angela Merkel den Kurs der CDU bestimmt. An diesem Parteitag in Hamburg werden nun die Weichen für die kommenden Jahre gestellt. Die einzig verbliebene Volkspartei will zu alter Größe zurück. Mit seinem konservativen Kurs seien „die 40 Prozent möglich", verspricht Merz. „Die Union kann künftig die über 40 Prozent von 2013 nur dann wieder erreichen, wenn wir die Mitte und die Frauen nicht verlieren", sagt dagegen Ursula von der Leyen. „Es wird entscheidend sein, dass die CDU auch in Zukunft die ganze thematische Breite der Gesellschaft repräsentiert." Es ist die Antithese zu Merz. Es sind die beiden Wege, die zur Verfügung stehen. Angela Merkel darf sich die Entscheidung am Freitag das erste Mal ein Stück weiter von außen anschauen. Ihre Abschiedsrede wird sie dann schon gehalten haben. Die CDU liegt dann nicht mehr in ihren Händen.

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