Demonstranten der rechten Szene in Chemnitz. - © picture alliance/dpa
Demonstranten der rechten Szene in Chemnitz. | © picture alliance/dpa

Chemnitz "100 Vermummte suchen Ausländer": Neuer Polizeibericht aus Chemnitz

ZDF-Magazin zitiert aus Lagefilm der Polizei

Chemnitz. "Es gab keinen Mob, keine Hetzjagd und keine Pogrome." Das hatte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) über die Vorkommnisse bei Demonstrationen in Chemnitz gesagt. Ein interner Polizeibericht zeichnet nun ein anderes Bild. Die Polizei in Chemnitz habe es am Tag der Demonstrationen mit einer intensiven Bedrohungslage zu tun gehabt, heißt es in einer Vorabmeldung des ZDF-Magazins "Frontal 21". Das gehe aus einem sogenannten internen Lagefilm der Polizei hervor, den das Magazin habe einsehen und auswerten können (Sendung am Dienstagabend, 21 Uhr). In dem Bericht ist demnach detailreich beschrieben, wie nach Demonstrationen von der AfD und der rechten Bewegung "Pro Chemnitz" rechte Gewalttäter durch die Stadt marodierten. Anlass war der gewaltsame Tod eines Chemnitzers am Rande eines Stadtfestes. Der Chef des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, hatte bezweifelt, ob es sich bei den Vorkommnissen um Hetzjagden gehandelt habe. Hitlergruß? Einschreiten "nur bei Nichtgefährdung des Gesamteinsatzes" Der Polizeibericht spreche von "Vermummten", die sich "mit Steinen bewaffnen" und die "Ausländer suchen" und ein jüdisches Restaurant überfallen. Nach "Frontal 21"-Recherchen seien am 27. August ab 19 Uhr laut Einsatzbericht bei der Polizei mehrere Meldungen darüber ein, dass gewaltbereite Hooligans aus anderen Bundesländern ins sächsische Chemnitz anreisen: "Vermutlich handelt es sich um Personen, die intensiv Kampfsport betreiben, gewaltsuchend sind." Zu dieser Zeit sei es am Bahnhofsvorplatz schon zu Handgemengen gekommen. "Zwei Personen mit Eisenstangen am Bahnhofsvorplatz in Richtung Brückenstraße unterwegs." Die vor Ort agierenden Polizisten hätten gegen 20.30 Uhr im Einsatzstab nachgefragt, welche Maßnahmen sie ergreifen sollen, wenn der Hitlergruß gezeigt wird. Antwort der Zentrale: "1. Beweissicherung, 2. Strafverfolgung, 3. Einschreiten vor Ort nur bei Nichtgefährdung des Gesamteinsatzes." Aus dem Polizeibericht gehe hervor, dass es zwischen 21 und 22 Uhr mehrfach Versuche rechtsgerichteter Gewalttäter gab, linke Demonstranten oder Ausländer zu attackieren. Um 21.42 Uhr heißt es in dem Bericht: "100 vermummte Personen (rechts) suchen Ausländer." Die Polizei suchte nach ihnen, fand aber offenbar nur deren abgestellte PKW. "Hau ab aus Deutschland, du Judensau" 21.47 Uhr vermelde der Bericht: "20 bis 30 vermummte Personen mit Steinen bewaffnet in Richtung Brühl, Gaststätte 'Schalom'". Wie mittlerweile bekannt ist, wurde das jüdische Restaurant angegriffen. Das sächsische Landeskriminalamt bestätigte, dass der Wirt Anzeige erstattet hat. Demnach wurde das Restaurant von etwa einem Dutzend Neonazis überfallen. Die vermummten, in schwarz gekleideten Täter hätten "Hau ab aus Deutschland, Du Judensau" gerufen und das Lokal mit Steinen, Flaschen und einem abgesägten Stahlrohr beworfen. Der Besitzer wurde während des Angriffs von einem Stein an der rechten Schulter verletzt. Die Ermittlungen laufen. Der Vorfall hatte, als er am Wochenende bekannt wurde, bundesweit entsetzte Reaktionen ausgelöst. Inzwischen hat Ministerpräsident Kretschmer angekündigt, dass er den Besitzer des jüdischen Restaurants persönlich treffen wolle.

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