Wenn auf einem Kreuzfahrtschiff ein Mann über Bord geht, gibt es genaue Vorgaben, was in einem solchen Notfall passieren muss. - © Pixabay
Wenn auf einem Kreuzfahrtschiff ein Mann über Bord geht, gibt es genaue Vorgaben, was in einem solchen Notfall passieren muss. | © Pixabay

Daniel Küblböck vermisst Mann über Bord: Was wird für die Sicherheit auf Kreuzfahrtschiffen getan?

Schätzungen zufolge gehen im Jahr rund 20 Personen über Bord. Die Kreuzfahrtindustrie sieht sich nicht in der Verantwortung

Lena Henning

Das Verschwinden von Daniel Küblböck hat viele schockiert: Der TV-Star war auf einer Kreuzfahrt von Hamburg nach New York über Bord gegangen. Inzwischen hat die kanadische Küstenwache nach vielen Stunden die Suche nach dem Vermissten eingestellt. Dass Menschen von Bord eines Kreuzfahrtschiffes verschwinden, kommt immer mal wieder vor. Erst vor wenigen Wochen stürzte eine britische Touristin vom Deck eines Kreuzfahrtschiffes, das in der Adria vor Kroatien unterwegs war. Sie soll nach einem Streit mit ihrem Freund freiwillig gesprungen sein. Nach zehn Stunden im Wasser konnte sie lebend gerettet werden. Ross Klein, Professor für Maritime Studien an der kanadischen Universität Neufundland erklärte in diesem Zusammenhang gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa): "Tatsächlich verschwinden im Schnitt jedes Jahr über 20 Menschen von Bord eines Kreuzfahrtschiffes." Mehr als 320 solcher Fälle hat er seit dem Jahr 2000 dokumentiert. Ein Teil dieser Fälle sei auf Suizidversuche zurückzuführen, andere auf unglückliche Unfälle. Alkoholkonsum spiele in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Mindesthöhen für Reling und Geländer Der Kreuzfahrtverband CLIA sieht sich nicht in der Verantwortung: Mehr als 25 Millionen Passagiere würden jährlich eine Kreuzfahrt machen. Dass jemand über Bord gehe, sei äußerst selten. "Es gibt keine bekannten Fälle, in denen ein verantwortungsbewusst Handelnder versehentlich von einem Kreuzfahrtschiff gefallen ist", teilt CLIA in einem Statement auf Anfrage von nw.de mit. Weltweit gälten Sicherheitsvorschriften etwa für die Mindesthöhen für Reling und Balkongeländer sowie andere Barrieren, die "verhindern, dass verantwortungsvolle Kreuzfahrtpassagiere über Bord gehen." TUI-Cruises teilt mit, dass zur Vermeidung von Unfällen in den Außenbereichen rutschfeste Bodenbeläge verwendet würden. Zudem werde der Bereich extra beleuchtet und kameraüberwacht. Vor dem Start einer jeden Kreuzfahrt sei eine Seenotrettungsübung für alle Gäste Pflicht. Dass sich Schiffsärzte an Bord von Hochseekreuzfahrtschiffen befinden, sei laut CLIA international verbindlich vorgeschrieben. Zudem gebe es auf vielen Schiffen auch Seelsorger, die sich im Notfall um Passagiere und Crew kümmern. Bei TUI-Cruises etwa werden Teile der Besatzung regelmäßig geschult, um Gäste und Crew in Ausnahmesituationen zu betreuen. Überlebenschancen sind gering Wenn aber trotz der Sicherheitsvorkehrungen doch etwas passiert, sind die Überlebenschancen gering: Schon der Sturz aus großer Höhe auf die Wasseroberfläche kann tödlich sein. Im kalten Wasser droht zudem Unterkühlung. Die Temperatur im Meer vor Neufundland, wo Daniel Küblböck verschwunden ist, liegt nur bei rund 10 Grad. Ohne schnelle Hilfe beträgt die Überlebenszeit dort nicht mehr als ein paar Stunden. Was die Rettung erschwert: Eine Person, die über Bord gegangen ist, ist schon schnell nicht mehr zu sehen. Auch mit Blick vom Schiff aus ist ein Mensch zwischen den Wellen in womöglich aufgewühlter See schnell verschwunden. Wenn ein Passagier von einem Schiff fällt, ist es deshalb besonders wichtig, die Person im Blick zu behalten. Auf jedem Deck gibt es mehrere Rettungsringe, die nicht nur dazu dienen, dass die Person sich daran festhalten kann, sondern die auf dem Meer auch besser zu erkennen sind.Schlechte Chancen, wenn das Verschwinden erst spät bemerkt wird Wenn der Notfall „Mann über Bord" eintritt, gibt es dezidierte Abläufe, was zu tun ist. So wendet das Schiff sofort und fährt zur Unglücksstelle zurück. Bei einem großen Schiff kann das aber eine Zeit dauern. Vor allem nachts, wenn die Sicht schlecht ist, ist es sehr schwierig, Personen wieder zu finden. Noch schwieriger wird es, wenn das Verschwinden der Person nicht sofort bemerkt wird. Dann ist es fast unmöglich, den Unfallort zu finden. Der ehemalige Schiffskapitän und Kreuzfahrt-Experte Wolfgang Gregor hat deshalb gegenüber der Rheinischen Post die Einführung von Mann-über-Bord-Infrarotsystemen gefordert. Diese könnten mittels Infrarot-Kameras sofort erfassen, wenn ein Mensch über Bord gehe. Bisher seien solche Systeme allerdings nicht üblich auf Kreuzfahrtschiffen. Bisher hat nur die Kreuzfahrtgesellschaft MSC Cruises ein ähnliches System im Einsatz. Im Oktober 2017 kündigte die Gesellschaft die Einführung eines videobasierten Notfallsystems an. Mithilfe von Wärmebildtechnologie würden die Außenbereiche des Schiffs ununterbrochen kontrolliert, sodass Mann-über-Bord-Notfälle schneller erkannt werden könnten. Zunächst sollte aber auch dieses System nur auf einem einzigen Schiff der Flotte zum Einsatz kommen. (Mit Material der dpa)

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