Am Stammtisch ist man sich eigentlich einig. Außer wenn es derzeit um Politik geht. - © picture-alliance (Symbolbild)
Am Stammtisch ist man sich eigentlich einig. Außer wenn es derzeit um Politik geht. | © picture-alliance (Symbolbild)

Passau Wie denkt Bayern über die CSU? Ein Stammtisch-Besuch in der Provinz

Im Oktober stehen die Landtagswahlen in Bayern an. Und der politische Kurs von Markus Söder und Horst Seehofer spaltet inzwischen selbst den konservativsten Stammtisch. Ein Ortsbesuch.

Friderieke Schulz

Passau. In Niederbayern, kurz vor der tschechischen und österreichischen Grenze, ist die Welt eigentlich noch ganz in Ordnung. Hier dominieren riesige Waldgebiete die Landschaft. Im Gasthof Bauer, eine knappe Stunde von Passau entfernt, kommt zweimal im Monat eine Herrenrunde zusammen. Und das schon seit fast 34 Jahren. Hier ist man sich einig, hier teilt man die Ansichten. Das war zumindest bisher so. Doch der politische Kurs des bayrischen Ministerpräsidenten und des Bundesinnenministers spalten die Gruppe. Mit ihrer Partei, der CSU, sind schon längst nicht mehr alle zufrieden. Das Gasthaus entspricht jedem Klischee. Ein Holzhaus mit Holzbalkon, in der Gaststübe Holzstühle an Holztischen, darauf ein Holzständer mit Brezeln und große steinernde Bierkrüge. Der ein oder andere trägt Lederhose, die meisten allerdings Jeans und ein kariertes Hemd. Der Akzent ist unverwechselbar bayrisch. Umso mehr knallen die Wörter des Stammtisches in der Ecke einem Außenstehenden um die Ohren. "Ich unterstütze diese Deppen von der CSU nicht mehr. Ich werde ihnen keine Stimme geben", sagt Edmund. Seine Frau sei da ganz anderer Meinung: "Die findet das nämlich richtig, was der Seehofer tut. Die spinnt." Doch allein ist sie mit der Ansicht nicht. Auch Stammtisch-Freund Josef ist mit dem Kurs zufrieden. "Wir haben hier schon ein Problem. Das mag der Rest Deutschlands nur schwer verstehen. Aber an der Küste kommen auch kaum Flüchtlinge über die Grenze. Hier schon", sagt der 68-Jährige. Asyltourismus ist ein unglücklich gewähltes Wort Er betont, dass es ihm nicht so sehr um die Menschen in der Not geht, sondern vielmehr um die fehlende Regelung. "Es wäre schon gut, wenn man die ankommenden Flüchtlinge zentral erfasst und erstmal schauen würde, wohin mit ihnen. Asyltourismus ist vielleicht ein unglücklich gewähltes Wort, aber es stimmt", sagt Josef. Noch während er spricht fällt ihm Freund Edmund ihm ins Wort, lässt ihn nur knurrend aussprechen. Nach einen großen Schluck aus seinem Bierglas ist er wieder an der Reihe und erklärt seine Sicht der Dinge. "Die Menschen sind in Not und ihnen muss geholfen werden. Wo kommen wir denn dahin, wenn wir das nicht mehr tun? Früher war der Horst noch ein Guter, aber seit er in Berlin ist, gehen mit ihm die Pferde durch", erklärt der Rentner. Gründe dafür sieht er klar im Erstarken der AfD: "Das macht ihm Angst. Er hat Sorge, dass sie der CSU hier den Rang ablaufen, aber das ist Schmarn." Die CSU hat vergessen Bayern anständig zu vertreten Betrachtet man das Ergebnis des Bundestagswahl im Wahlkreis Passau ist das gar kein so großer Schmarn mehr. 16 Prozent hat die AfD dort erhalten. "Und zu Recht. Das hat man jetzt wieder im Streit mit der CDU gesehen. Das ganze Hin und Her von der CSU und am Ende so ein bescheidenes Ergebnis", sagt Edmund und ein Dritter in der Runde, Wilhelm, stimmt ihm zu: "Das Lächerlichste daran war Seehofer selbst. Erst ankündigen, dass man zurücktritt und es dann nicht tun. Das ist ein Armutszeugnis." "Aber anders kommt man doch in Berlin nicht weiter. Dort muss man zu harten Tönen und harten Maßnahmen greifen. Die anderen Politiker dort sind das Problem. Denen sind wir nämlich egal", sagt Hendrik. Er selbst ist in der lokalen Politik engagiert. Natürlich in der CSU. Deswegen versucht er seine Stammtischfreunde auch davon zu überzeugen, dass es nur gemeinsam geht. "Das ist wie mit einer Ehe. In guten wie in schlechten Zeiten." Für manch einen am Tisch gehört diese Ehe geschieden. Zu lange dauern die schlechten Zeiten nun an. Da sind die Positionen untereinander verhärtet. Aber es gibt auch Punkte, bei denen sich alle, selbst der CSU-Politiker, einig sind und das ist nicht nur beim Bier und der Weißwurst. Sondern auch darin, dass es bei der CSU derzeit an den Grundwerten hapere. "Das politische Handeln ist weder christlich noch sozial." An den Problemen lässt sich arbeiten Der Jüngste in der Runde ist Christian. Er ist 46 und sieht die CSU etwas differenzierter. Wählen wird er sie wieder. "Sie sind seit sechs Jahrzehnten unsere Partei und daran rüttel ich auch nicht. Allerdings ärgert es mich schon, wenn in Bayern besonders viele alte Menschen arm sind und selbst wenn sie es nicht sind finden sie niemanden, der sie pflegt." Daran ließe sich aber arbeiten, ist Christian überzeugt und Hendrik stimmt ihm zu: "Das tut man ja schon auf allen Ebenen. Aber jetzt muss erstmal wieder Ruhe einkehren." Das sieht der 46-Jährige anders. Ihm schwebt vielmehr eine Erneuerung vor, wie sie die SPD angestrebt hat. "Bei der CSU sollten dann am Ende aber nicht wieder die selben Gesichter dastehen. Ein richtiger Neuanfang - das wäre was." Prognosen sehen schlecht aus Die Wahlprognosen lassen derzeit dunkle Wolken über der CSU aufziehen. Sie könnte so schlecht abschneiden wie noch nie zuvor. Während Christian der Meinung ist, dass das die Basis für den Neuanfang wäre, sieht Edmund darin eine ganz andere Gefahr: "Was, wenn sich Bayern und die CSU wirklich überworfen haben?" So schwarz mag außer ihm aber noch niemand sehen. "Immerhin haben wirs selbst in der Hand und den Rechtspopulisten wollen wir doch nicht kampflos den Thron überlassen", sagt Hendrik und steigert mit jedem Wort die Höhe seiner Stimme. Edmund lacht zynisch auf und sagt schulterzuckend: "Ja, genau das ist das Problem. Ihr seid nicht die Könige von Bayern, die auf einem Thron sitzen sollten. Ihr seid die vom Volk gewählten Vertreter und solltet für uns handeln. Das habt ihr nur vergessen. Und jetzt lasst's uns gut sein." Die Männer nicken und wie auf's Kommando kommt die Bedienung mit dem Essen. Bei 36 Grad gibt es Schweinebraten mit Kraut, brauner Soße und Kartoffelklößen. Dazu wird eine neue Runde Bier bestellt. Manches bleibt eben wie es ist. Komme was wolle.

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