So sah es bei der WM 2006 überall aus: Zehntausende Fußballfans pilgerten zum "Public Viewing". Heute ist das Interesse stark gesunken. - © picture alliance
So sah es bei der WM 2006 überall aus: Zehntausende Fußballfans pilgerten zum "Public Viewing". Heute ist das Interesse stark gesunken. | © picture alliance

Fussball Kaum jemand hat noch Lust aufs "Public Viewing"

Zum "Sommermärchen" 2006 wurden in Deutschland die "Public Viewings" groß. Zwölf Jahre später hat kaum noch jemand Lust aufs Rudelgucken. In vielen NRW-Städten werden sie gar nicht mehr angeboten.

Düsseldorf (dpa) - Bei der aktuellen Fußball-WM wird es in Nordrhein-Westfalen deutlich weniger große Public Viewing-Veranstaltungen geben als bei früheren Turnieren. Ob in Dortmund, Essen oder Bochum - einige der großen Public Viewings finden dieses Jahr nicht mehr statt, der Trend geht stark zu Kneipen, kleineren Events oder dem TV-Bildschirm im Wohnzimmer. Auch die Metropolen Düsseldorf und Köln sowie Mönchengladbach bieten kein von der Stadt organisiertes Public Viewing an. In Bielefeld muss man für ein Public Viewing in eine der kleineren Nachbarstädte reisen. Auch hier gibt es kein "Rudelgucken" mehr. „Die Besucher sind nicht mehr von großen Public Viewings angezogen", sagt Martin Semerad von den ehemaligen Organisatoren der Bochumer „Sparkassen Fankurve". Verfolgten etwa 2006 in der WM-Stadt Dortmund mehr als 250 000 Menschen auf dem Friedensplatz die WM-Spiele, waren es zur EM 2016 nur noch 17 000 Zuschauer, teilte die Stadt mit. Es gibt Alternativen zum Public Viewing Das Public Viewing sei wegen des geringen Interesses nicht mehr zu bezahlen. Es liege weniger an den steigenden Kosten der Sicherheitskonzepte: „Es ist eine Frage von mangelndem Interesse", erklärte der ehemalige Veranstalter Patrick Arens vom Schaustellerverband. „Viele Besucher sehen es nicht ein, dann auch mal eine Cola auf dem Veranstaltungsgelände zu kaufen, wenn keine Getränke mitgebracht werden dürfen." Fehlen die Besucher, wollen auch die Sponsoren nicht mehr zahlen. Bochums früherer Veranstalter Semerad schätzt zudem, dass auch die in den vergangenen Jahren deutlich gesteigerte Qualität der eigenen Fernseher im Wohnzimmer mit dem zurückgehenden Public Viewing-Interesse zu tun haben könnte. „Rudel-Gucken" zur WM wird aber nicht komplett im Abseits stehen bei der kommenden WM. Dortmund kooperiert zum Beispiel mit dem Deutschen Fußballmuseum in der Stadt. Das „Private Viewing" dort gehört zu den vielen Public Viewings in NRW mit ganz besonderer Atmosphäre: Ganz nah am WM-Pokal können dort alle Spiele mit deutscher Beteiligung und das Finale angeschaut werden. Denn für das „Private Viewing" wird der Siegerpokal von 2014 aus der Schatzkammer in die Arena geholt, wie das Fußballmuseum Dortmund mitteilt. Er stehe dann auch für das ein oder andere Selfie bereit. 400 Fans können auf Liegestühlen und Tribünenplätzen auf der unteren Museumsebene Platz nehmen. "Kuscheliges" Public Viewing Eine andere Atmosphäre verleiht das Public Viewing in der Zechenwerkstatt in Dinslaken. Wo früher hart gearbeitet wurde, gibt es zur WM ein Public Viewing aller deutscher Spiele für bis zu 1000 Fans. Auf dem Rhein verspricht das Public Viewing-Schiff der „Weissen Flotte Düsseldorf" Atmosphäre. Die Leinwand ist am Boot auf dem Rhein befestigt und soll von der Fanmeile am Rheinufer ebenso zu sehen sein wie auf einem treibenden Schiff. Ganz „kuschelig" kann es im „Fernsehgarten" des Schauspielhauses Köln in Köln-Mülheim werden. Zwischen alten Industriebauten ist in den vergangenen fünf Jahren hier das Urban-Gardening-Projekt „Carlsgarten" entstanden. „Es ist sozusagen die gemütliche Variante", sagte eine Sprecherin. Loungesessel stehen zwischen den grünen Hochbeeten und Blumenkübeln für etwa 150 Besucher bereit. Statt auf einer Riesen-Leinwand sind die Deutschlandspiele auf Fernsehbildschirmen zu sehen. Das Schauspiel-Programm ist auf die WM-Spiele abgestimmt - Theater und Fußball? Geht beides. Poldi lädt zur Party Wer aber doch ein Großevent zur WM besuchen möchte, für den veranstaltet der Ex-Nationalmannschaftsspieler Lukas Podolski zum zweiten Vorrundenspiel der deutschen Mannschaft gegen Schweden ein großes Public Viewing. Über 15 000 Fans können auf „Poldi's Public Viewing Party" auf der Galopprennbahn in Köln-Weidenpesch gemeinsam feiern. „Ich freue mich auf euch, eine Riesen Party und mega Stimmung auf der Galopprennbahn in meiner Heimatstadt Köln", schreibt der 32-Jährige auf Twitter. Und auch in Remscheid wird gefeiert: Zum Public Viewing auf dem Rathausplatz gibt es beim Auftaktspiel der deutschen Mannschaft eine Mallorca-Party - standesgemäß mit Ballermann-Stimmungskanone Mickie Krause.

realisiert durch evolver group