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Die meisten Täter bei sexuellem Kindesmissbrauch sind männlich - aber auch Frauen oder gar Mütter vergreifen sich an Kindern. - © Themenfoto/Picture Alliance
Die meisten Täter bei sexuellem Kindesmissbrauch sind männlich - aber auch Frauen oder gar Mütter vergreifen sich an Kindern. | © Themenfoto/Picture Alliance

Herford Kindesmissbrauch: Auch Frauen sind Täter, aber niemand spricht darüber

Hauptsächlich werden Männer mit Pädophilie oder Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht, dabei gibt es immer wieder auch weibliche Täter - laut einer Psychiaterin werden diese Fälle aber noch seltener bekannt

Lena Vanessa Niewald
21.05.2018 | Stand 21.05.2018, 08:18 Uhr

Herford. Sobald die Nachricht auftaucht, dass ein Kind sexuell missbraucht wurde, denkt ein Großteil der Gesellschaft wahrscheinlich an den bösen Mann von nebenan. Frauen oder gar Mütter, die sich an ihren eigenen Kindern vergehen? Das kommt vielen gar nicht in den Sinn - ist aber leider die Realität. Erst kürzlich stand im Kreis Herford eine 37-jährige Frau vor Gericht, die drei Jahre lang ihren Sohn missbraucht haben soll. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr laut Bundeskriminalamt (BKA) 12.019 Fälle von sexuellem Missbrauch - 7.381 Tatverdächtige konnte das BKA ermitteln. "Bei den Tätern handelt es sich aber überwiegend um männliche Erwachsene", sagt Barbara Hübner von der Pressestelle des BKA. Dennoch konnten für 2017 auch 127 weibliche Tatverdächtige ermittelt werden - und das sind nur die Fälle, die überhaupt ans Licht gekommen sind. "Man wird vor fremden Männern gewarnt, die Schokolade anbieten - aber nicht vor fremden Frauen" Vor allem, wenn Frauen die Täter sind, werden laut Psychiaterin Nahlah Saimeh nur selten Fälle bekannt. Besonders weil das Thema Pädophilie trotz aller Aufgeklärtheit vorwiegend als männlich definiert werde. "Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, warnte man immer vor fremden Männern, die einem Häschen zeigen oder Schokolade anbieten wollen. Vor fremden Frauen wurden wir nicht gewarnt." Im Gegenteil: Frauen würden hauptsächlich als fürsorgliche und vertrauensvoll wahrgenommen, sagt Saimeh. Als Mütter, die sich um die körperliche Pflege und das Allgemeinwohl der Kinder kümmern. Doch genau das ist laut der Psychiaterin das Problem. "Das Setting, in dem Taten begangen werden, ist deshalb natürlich sehr gut geeignet. Fälle, die ich aus Kinderheimen kenne, waren oftmals gekoppelt an das Baden der Zöglinge und an andere besonders penible Reinigungsrituale." So werde ein Kind etwa länger gewaschen als nötig oder beim Anziehen länger und intensiver berührt als nötig. Frauen schweigen, weil sie Angst haben den Partner zu verlieren Dass solche Fälle nur selten bekannt werden - liegt laut der Expertin auch an dem besonderen Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis von Kindern und ihren Müttern. "Wir wissen, dass sexueller Missbrauch durch Menschen, zu denen ein emotionales und soziales Abhängigkeitsverhältnis besteht, besonders traumatisierend ist. Zu den eigenen Eltern besteht ja oft sehr lange auch ein ambivalentes Verhältnis, das eben auch von Zuneigung oder der Sehnsucht nach Zuneigung gekennzeichnet ist. Und dann ist es  auch noch nicht so lange her, dass man überhaupt als Missbrauchsopfer Gehör findet", sagt Saimeh. Vielen jungen Opfern fehle schlichtweg der Mut - darüber hinaus könnten viele auch nur sehr schwer einschätzen, wo die Grenze zwischen normaler und überdurchschnittlich intensiver Fürsorge ist. Allerdings können Frauen auch zu Täterinnen werden, ohne den Missbrauch selbst zu vollziehen. Cordula Lasner-Tietze vom Kinderschutzbund weist auch auf eine sogenannte Mittäterschaft hin - vor allem dann, wenn Frauen wissen oder ahnen, dass ihr Partner sich an dem eigenen Kind vergeht und ihn trotzdem schützen. "Ich habe Frauen erlebt, die Angst haben, den Partner zu verlieren, wenn sie die Tat aussprechen." Deshalb würden sie lieber schweigen, zusehen und hinnehmen. Lasner-Tietze: "Dabei brauchen die Kinder unbedingt den Schutz der Mütter."

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