Symbolfoto - © picture alliance / dpa
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Bielefeld/Berlin Schulbuch von Bielefelder Soziologin von Arbeitgeberverband gestoppt

Das Innenministerium hat der Bundeszentrale für politische Bildung untersagt, Unterrichtsmaterialien zu vertreiben, die eine Bielefelder Soziologin herausgegeben hat. Die Kritik an dem Vorgehen ist gewaltig.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Bielefeld/Berlin. Die Vermittlung von ökonomischem Wissen gestaltet sich im Schulalltag mitunter schwierig. Um Lehrer bei der Wissensvermittlung zu unterstützen, hat die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) im Februar das Buch „Ökonomie und Gesellschaft – Zwölf Bausteine für die schulische und außerschulische Bildung“ herausgebracht. Doch der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) missfällt das 365 Seiten starke Werk, das von der Bielefelder Soziologieprofessorin Bettina Zurstrassen herausgegeben wurde. BDA-Hauptgeschäftsführer Peter Clever hat für ein Vertriebsverbot gesorgt. Im Juni hat Clever dem Bundesinnenministerium, dem die BPB untersteht, in einem Brief sein „Befremden“ über das Buch mitgeteilt. Die Unterrichtsmaterialien entsprächen „einseitiger Propaganda gegen die Wirtschaft“, so Clever in dem Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt. Er bitte daher darum, „den Band in dieser Form nicht weiter zu vertreiben“. Clever hatte Erfolg: Im Juli hat das Innenministerium der BPB den Vertrieb des Buches untersagt, noch bevor der Wissenschaftliche Beirat der BPB den Fall untersucht hatte. „Auch die Autoren wurden nicht über die Gründe des Vertriebsverbots informiert“, moniert Herausgeberin Bettina Zurstrassen. In der Kritik der BDA stehen drei Beiträge, die kritische Blicke auf wirtschaftspolitischen Lobbyismus werfen. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) kritisiert den politischen Vorstoß der BDA und des Innenministeriums gegen den Anspruch der soziologischen Disziplin, ökonomische Phänomene wie den Lobbyismus auch aus soziologischer Perspektive zu analysieren.Deutsche Gesellschaft für Soziologie kritisiert BDA Nach Angaben des Vorstands hat die BDA in skandalisierender Absicht den Autoren Zitate zugeschrieben, die nicht von ihnen stammen. Zudem seien Zitate aus dem Kontext gerissen und durch nicht markierte Auslassungen verfälschend wiedergegeben worden. Zum Teil werden als Beleg für die Kritik auch Zitate aufgeführt, die Zeitungsartikeln entnommen wurden, die in den Unterrichtsmaterialien abgedruckt sind. Für den Vorstand der DGS sowie Zurstrassen ist das „inakzeptabel“. Inzwischen hat sich auch der Wissenschaftliche Beirat der BPB mit dem Fall befasst. Die Experten haben für eine Aufhebung des Vertriebsverbots gestimmt. Aus dem Innenministerium heißt es lediglich, dass man „zeitnah über den weiteren Vertrieb“ entscheiden wolle. Für Zurstrassen ist das ein Intrigenspiel, denn die Kritik der BDA richte sich ausschließlich gegen sozioökonomische Wissenschaftler, die als Wissenschaftler dafür eintreten, Wirtschaft nicht als isoliertes, sondern als integriertes Schulfach zu etablieren. „Die BDA kämpft hingegen für ein eigenständiges Schulfach, obwohl Wirtschaft nicht isoliert betrachtet werden kann, weil es mehr ist als Angebot und Nachfrage“, sagt Zurstrassen. Die Soziologin hat ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben und hofft, dass Innenminister Thomas de Maizière (CDU) das Vertriebsverbot per Erlass so schnell wie möglich aufhebt. „Durch das Vorgehen des Innenministeriums und der BDA wird die berufliche Zukunft junger Wissenschaftler aufs Spiel gesetzt“, kritisiert Zurstrassen.

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