Bielefeld "Der Islam soll barmherzig sein"

Interview: Mouhanad Khorchide, islamischer Religionspädagoge an der Universität Münster, spricht über einen humanistischen Gott und falsch verstandene Koranverse

Ansgar Mönter
09.10.2015 | Stand 09.10.2015, 22:13 Uhr

Bielefeld. Mouhanad Khorchide ist islamischer Religionspädagoge an der Universität Münster. Gerade ist sein neues Buch erschienen. Im Interview mit Ansgar Mönter spricht er über einen humanistischen Gott und falsch verstandene Koranverse. Der Islam hat ein generelles Imageproblem in Deutschland. Wie erklären Sie sich das? Mouhanad Khorchide: Die Arbeitsmigranten brachten ihre Religion als Teil ihrer Identität mit, sie sind aber keine Theologen oder in der Regel keine Angehörigen gebildeter Mittelschichten. Und durch fehlenden Religionsunterricht haben sie keinen reflektierten Zugang zu ihrem Glauben. Das verzerrt das Bild des Islams nach außen und nach innen, weil viele Muslime selbst nicht wissen, ob etwas Teil ihrer Religion oder Kultur ist. Zum anderen zeigen die Medien hauptsächlich die negativen Bilder. Ihr Islamverständnis ist geprägt von Barmherzigkeit. Damit wäre ein Imagewandel möglich, oder? Khorchide: Ja, durchaus. Ich sehe, wie schnell dieses Islamverständnis wächst trotz einiger Hürden. Der IS hat uns Muslime weltweit wachgerüttelt. Auch in den konservativsten Ecken, wie in Saudi Arabien, diskutiert man heute über das Gewaltpotenzial im Islam. Manche Muslime sowie Politiker sagen, die IS-Dschihadisten sind keine Muslime. Khorchide: Dieses apologetische "Das hat mit dem Islam nichts zu tun" ist ein sinnloser Satz. Die Dschihadisten berufen sich auf bestimmte islamische Traditionen und Lesarten des Korans, das muss man ernst nehmen. Die deutschen Islamverbände gelten als erzkonservativ bis fundamental. Wie soll der Staat damit umgehen? Khorchide: Die Islamverbände sind sehr heterogen. Man kann nicht pauschalisieren. Der Staat sucht sich seine Ansprechpartner, um in religiösen Fragen neutral zu bleiben. Ich appelliere an meine Studierenden, sich konstruktiv in die Verbände einzubringen, um sie von innen zu bereichern. Die jungen Menschen sind das zukünftige Gesicht des Islams. Steht Barmherzigkeit nicht im Konflikt zu den Gewaltversen im Koran und der Scharia mit seinen schrecklichen Strafen? Khorchide: Nein, weil Barmherzigkeit dazu aufruft, diese Verse in ihrem historischen Kontext zu lesen. Der Koran kommentiert kriegerische Auseinandersetzungen, das sind aber keine Imperative. Eine wortwörtliche Lesart ist daher gefährlich. Auch beim Verständnis von Scharia kommt es weniger auf die juristischen Maßnahmen des 7. Jahrhunderts an, wie die Körperstrafen, sondern auf die ethischen Prinzipien dahinter, wie die Schaffung einer gerechten Gesellschaftsordnung. Das ist das Prinzip dahinter, nur das ist zeitlos. Wie man dahin kommt, muss jede Gesellschaft zu jeder Zeit neu aushandeln. Das Prinzip herausfiltern, die konkreten Angaben vergessen? Khorchide: Ein Beispiel: Im Koran werden als Transportmittel Esel und Pferd genannt. Ich sage den Fundamentalisten immer: Ihr fahrt Autos, aber von Autos steht nichts im Koran. Aber Esel wollen sie nicht reiten, nehmen den Koran in diesem Fall also doch nicht wörtlich, sie selektieren also. Muslime fassen den Koran als Gottes direktes Wort auf. Das macht die Sache nicht leichter. Khorchide: Das hängt vom jeweiligen Gottesverständnis ab. Gott kann doch kein selbstsüchtiger Gott sein, der schnell beleidigt ist, wenn wir keine Hände abhacken, obwohl es im Koran steht, wie Fundamentalisten suggerieren. Wir sollten von einem humanistischen Gott ausgehen. Mein Appell an die Gläubigen aller Religionen ist: Man macht Gott klein, wenn man darauf beharrt, alles wortwörtlich nehmen zu müssen, ansonsten wäre er beleidigt. Wir Menschen sind nach Gott Suchende. Und Gott ist die Wahrheit. Wenn jemand behauptet, er sei im Besitz der Wahrheit, spielt er Gott. Wir können uns der Wahrheit aber nur annähern. Islam heißt Unterwerfung. Nicht gerade freiheitsfördernd. Khorchide: Ich verstehe Islam als Hingabe an Gott. Das ist etwas Positives. Keine Religion ist als fertiges Produkt vom Himmel gefallen. Ich versuche so viele Muslime zu erreichen, dass der humanistische, barmherzige Islam Mainstream wird. Mohammed war auch Kriegsherr. Wie passt das? Khorchide: Mohammed war in Medina Staatsoberhaupt und in politischen Konflikten verwickelt. Tatsächlich lesen wir in seiner Biografie von Kriegen. Aber: Wir wissen im Grunde über Mohammed ziemlich wenig. Die Biografie, die wir von ihm haben, wurde 200 Jahre nach seinem Tod in einer Kriegschronik geschrieben. Der Autor wollte Mohammed glorifizieren als Sinnbild für Stärke und Männlichkeit. Die Konsequenz: Mehr Tote gleich mehr Stärke, mehr Frauen gleich mehr Männlichkeit. Der Koran, der zu Mohammeds Lebenszeiten verkündet wurde, spricht eine andere Sprache. Da wird Mohammed aus Barmherzigkeit für alle Welten entsandt. Durch diesen Filter sollten wir mit Mut vieles Negative verwerfen, was über ihn geschrieben wurde. Auch bei der Geschlechterfrage? Khorchide: Wir haben in den meisten islamischen Ländern bis heute patriarchalische Strukturen, die patriarchalisches Gedankengut produzieren, auch in der Theologie. Wir sehen damit eine Sexualisierung der Frau: Patriarchalische Männer sehen in der Frau nur ein Objekt, deshalb muss sie unter Kontrolle gehalten werden. Ich finde es vor allem problematisch, wenn Frauen selbst diese Rolle begrüßen. Übrigens ist das Kopftuch für Kinder im Islam verpönt. Wenn die Mädchen erwachsen werden, können sie sich dafür oder dagegen entscheiden. Es müssten sich immer mehr Frauen trauen, Theologie zu betreiben, um deren Sicht stark zu machen. Wie viele weibliche Studenten haben Sie? Khorchide: Deutlich mehr als männliche.

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