Bielefeld/Herford Umstrittenes Spritzmittel: Baumärkte nehmen Produkte aus dem Sortiment

Uneinigkeit über Krebsrisiko durch Breitbandherbizid Glyphosat

Bielefeld/Herford. Der Streit um das weltweit am häufigsten eingesetzte Herbizid Glyphosat ist neu entfacht, weil Experten bei der Bewertung des Krebsrisikos zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Die Diskussion wirkt sich auf OWL aus. Baumärkte verkaufen das Unkrautvernichtungsmittel nicht mehr, und bei der Landwirtschaftskammer in Herford mehren sich die Anrufe. Die Krebsforschungsagentur IARC hatte Glyphosat jüngst als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Das zuständige Bundesinstitut für Risikoforschung prüft dies jetzt und teilt mit, dass sich nach aktuellem Stand "bei bestimmungsgemäßer Anwendung" kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen ableite. Es gehöre aber "zum Alltag in der wissenschaftlichen Risikobewertung", dass es zu unterschiedlichen Deutungen kommt. Das IARC-Urteil sorgt für Verwirrung. Bei der Landwirtschaftskammer in Herford fragen besorgte Bürger derzeit häufiger als sonst nach, wie gefährlich der Einsatz von Spritzmitteln in der Nähe ihres Hauses sei. "Bei sachgerechter Anwendung brauchen sie sich keine Sorgen zu machen", sagt Pflanzenschutzberater Hans-Herbert Obermowe. Er erklärt, dass das Mittel über die Pflanze wirke, also kein Bodenherbizid sei, es keine Langzeitwirkung habe und in Deutschland in geringerer Dosis eingesetzt werde als im Ausland. "Die Landwirte machen nicht ihren eigenen Boden kaputt." Obermowe fordert, dass Glyphosat künftig nur noch an Sachkundige abgegeben wird. Im Falle eines Verbots könnte laut Obermowe die Erosion der Böden zunehmen, die Landwirte würden häufiger pflügen, um wirksam gegen Unkräuter vorzugehen. Forscher der Universität Gießen gehen außerdem davon aus, dass Ernten fünf bis zehn Prozent geringer ausfallen könnten.Naturschützer fordern striktes Verbot Für ein striktes Verbot setzen sich Umweltschützer wie die Initiative "Naturgartenforum Löhne" ein. Sie kritisieren, dass "ein großes Insekten- und Pflanzenspektrum vernichtet" wird. Auch Rückstände in Muttermilch und Nahrungsmitteln sind in der Diskussion. Kritiker wie die "Arbeitsgemeinschaft Glyphosat" bemängelten derweil, dass die IARC nicht beurteile, wie wahrscheinlich man an Krebs erkrankt. Es handele sich um die Identifikation einer möglichen Gefahr, daher würden zum Beispiel auch Pilzgifte ähnlich eingestuft werden. Glyphosat werde zudem in Europa so gut wie nie in Reinform verwendet. Fakt ist, dass der Streit zwischen Anwendern und Naturschützern immer wieder hochkocht. Denn Glyphosat ist unter dem Namen Roundup das weltweit am häufigsten eingesetzte Breitbandherbizid. Mehr als 40 Präparate sind auch für Hobbygärtner zugelassen. Es ist zugleich eines der am meisten erforschten Pflanzenschutzmittel, seit 1974 am Markt und in Übersee zur Anwendung bei gentechnisch veränderten Pflanzen beliebt.Zulassung läuft Ende 2015 Ende 2015 läuft die Zulassung turnusmäßig aus. Ob sie verlängert wird, entscheidet die EU-Kommission nach Empfehlung der Behörde für Lebensmittelsicherheit. Jetzt wurde bekannt, dass die Einschätzung sich bis Herbst verzögert. Die Verbraucherzentrale NRW weist darauf hin, dass der Einsatz von Herbiziden auf befestigten Flächen wie Garageneinfahrten, Plattenwegen und Hauseingängen zum Schutz des Grundwassers verboten ist. Baumärkte in OWL gehen auf Nummer sicher. Bis zum 30. September soll Glyphosat aus allen Toom-Filialen verschwinden, ebenso bei Bauhaus. Hornbach will nur noch anwendungsfertige Mittel in geringer Konzentration anbieten.

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