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Wir Menschen haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Schweinen. - © Sarah Jonek
Wir Menschen haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Schweinen. | © Sarah Jonek

Berlin Warum wir so extrem auf Schweine reagieren

Gespräch mit Autor Thomas Macho über unser Verhältnis zu den Schweinen

Stefan Brams
31.07.2015 | Stand 31.07.2015, 14:11 Uhr

Berlin. Schweine gelten als unrein. Werden aber trotzdem gegessen. Schweine sind Glücksbringer, werden verehrt und tabuisiert. Schweine sind intelligent, gleichzeitig werden Menschen als "Blöde Sau" oder "Dummes Schwein" beleidigt. Thomas Macho geht in seinem Buch "Schweine" unserem ambivalenten Verhältnis zu den Schweinen auf den Grund. Stefan Brams sprach mit dem Kulturwissenschaftler. Herr Macho, woher rührt Ihr Interesse an Schweinen? Thomas Macho: Im Jahr 2006 habe ich eine Ausstellung über Schweine mitgestaltet, die mir die Augen dafür geöffnet hat, wie interessant diese Tiere sind und wie unglaublich ambivalent sie in den vergangenen Jahrtausenden durch die Menschen wahrgenommen worden sind - von der totalen Tabuisierung bis hin zum Glückssymbol. Wie erklären Sie sich diesen ambivalenten Umgang der Menschen mit den Schweinen? Macho: Zum einen ist das Schwein das einzige Nutztier, das der Mensch ausschließlich zum Verzehr gezüchtet hat. Zum anderen sind die Schweine, so wie wir, Allesfresser. Sie brauchen dieselbe Nahrung wie wir. Somit stehen Mensch und Schwein in direkter Konkurrenz zueinander, was vor allem, wenn es zu Nahrungsengpässen kommt, zum Problem wird. Und nicht zuletzt sind wir einander auch sehr ähnlich, was den Körperbau, die Haut und auch die Organe betrifft; manche Organe der Schweine sollen sogar in den menschlichen Körper transplantiert werden können. All das bringt uns dazu, so widersprüchlich auf diese Tiere zu reagieren, denn was einem ähnlich ist, ist immer auch ein wenig unheimlich. Juden und Muslime essen keine Schweine. Christen, sofern sie nicht Vegetarier sind, tun es. Woher dieses unterschiedliche Essverhalten? Macho: Im Nahen Osten sind Schweine tabuisiert, sie gelten bei Juden und Muslimen als unrein. Im Judentum passten sie einfach nicht in die komplizierten Klassifikationen der Speisegesetze, im Koran wird der Schweinefleischverzehr einfach verboten. Im Fernen Osten sind die Schweine hingegen bis heute sehr beliebt. Dort werden sie zwar auch als Nutztiere gehalten, aber trotzdem geschätzt und verehrt. In Europa wiederum werden sie massenhaft geschlachtet und gegessen, obwohl sie auch hier vielfach als unrein gelten. Darin zeigt sich neuerlich die Ambivalenz, die wir gegenüber den Schweinen an den Tag legen. Warum gelten Schweine überhaupt als unrein? Macho: Dieses Urteil basiert auf Missverständnissen. Menschen haben die Schweine von Anfang an beim Suhlen in Schlamm beobachtet. Dieses Verhalten ließ sie als unrein erscheinen, obwohl sich Schweine ja eigentlich suhlen, um sich abzukühlen und zu reinigen. Das haben wir aber erst sehr spät verstanden, so dass sich die Überlieferung vom Schwein, das sich im Dreck suhlt, bis heute erhalten hat. Zudem fressen Schweine, wenn sie Hunger haben, auch einmal ihre eigenen Exkremente. Auch das erschien den Menschen als Zeichen der Unreinheit, obwohl sogar Hunde oder Vögel gelegentlich ihren Kot fressen, was wir ihnen freilich nachsehen. Gegen die Schweine wurden noch in der frühen Neuzeit regelrechte Gerichtsprozesse geführt. Auch Sie schreiben über die Intelligenz der Schweine. Wie intelligent sind Schweine wirklich? Macho: Sie sind ziemlich intelligent, weltoffen und neugierig; sie sind unternehmungslustig, kreativ und bewegungsfreudig. Sie sehen zwar nicht gut, aber hören und riechen umso besser. Wir sollten ihre Intelligenz wahrlich nicht unterschätzen. Warum sprechen wir dann immer vom dummen Schweinen und blöden Säuen? Macho: Nun ja, je mehr wir ein Tier abwerten, desto leichter können wir es ohne große Skrupel verspeisen. Bereits im Altertum, etwa im Pharaonenreich, wurden die Schweine abgewertet. Interessant ist übrigens, dass wir vorrangig die Namen von Haustieren verwenden, um Menschen zu beleidigen. Auf die Bezeichnungen von Wildtieren greifen wir dagegen so gut wie gar nicht zurück, um andere Menschen zu beschimpfen. Wie konnten Schweine, die wir so abqualifizieren, wiederum zu Glückssymbolen werden? Macho: Im Fernen Osten und in der pazifischen Welt wurden und werden den Schweinen große Sympathien entgegengebracht; sie werden auch als Symbole für Fruchtbarkeit, Reichtum und Glück angesehen. Als China seit Marco Polos Reiseberichten auch in Europa immer bekannter wurde, verbreitete sich allmählich diese andere Sicht auf das Schwein in unseren Breiten. Seither gelten Schweine auch in unserer Kultur als Glücksbringer, während sie zugleich immer noch als dumm und unrein betrachtet werden. Ambivalenter geht es nicht mehr. Haben Sie eine Lieblingsschweinerasse? Macho: Ich mag eher die kuriosen und kleineren Rassen. Die Hängebauchschweine haben meine Sympathie wie auch die fast schon ausgestorbenen alten deutschen Hausschweinrassen. Vor allem aber schätze ich das Mangalitza-Wollschwein, das ursprünglich aus Ungarn stammt und ein lockiges Haarkleid trägt. In Deutschland werden jährlich rund 60 Millionen Schweine geschlachtet. Gleichzeitig wenden sich immer mehr Menschen vom Fleisch und speziell dem Schweinefleischkonsum ab. Sehen Sie eine Chance für die Schweine, bei uns einmal mehr zu sein als nur Schlachttiere? Macho: Es gibt schon eine erstarkende Gegenbewegung, aber eine wirkliche Umkehr hat sie noch nicht bewirkt. Das hängt aber auch damit zusammen, dass Schweine so unglaublich unsichtbar für uns aufgezogen, umgebracht und verarbeitet werden, und dass viele Schweineprodukte als solche gar nicht zu erkennen sind. Es wird also noch ziemlich lange dauern, bis sich an unserem Verhalten gegenüber den Schweinen etwas nachhaltig verändert. Will Ihr Buch auch dazu animieren, die Schweine anders zu sehen? Macho: Unbedingt! Vor allem aber will ich zeigen, mit welcher Vielfalt von Schweinen wir es zu tun haben und wie ambivalent unser Verhältnis zu ihnen ist. Welcher Tierart wenden Sie sich als nächstes zu? Macho: Ich hege eine große Liebe zu den Eseln, aber diese Tiere wurden gerade erst von Jutta Person in der Reihe "Naturkunden" porträtiert. Das Buch von Thomas Macho Thomas Macho: Schweine - Ein Portrait, 156 S., Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2015, 18 Euro.

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