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Gesundheit und Alter Depressionen im Alter lassen sich gut behandeln

Diagnose allerdings oft schwierig

20.11.2014
Er deutet daraufhin, dass ältere Menschen möglicherweise an Depressionen leiden. - © Foto: Bayer HealthCare
Er deutet daraufhin, dass ältere Menschen möglicherweise an Depressionen leiden. | © Foto: Bayer HealthCare
Depressionen im Alter lassen sich gut behandeln - © Serie
Depressionen im Alter lassen sich gut behandeln | © Serie

Bielefeld. "Vier Millionen Depressive in Deutschland, das kann nicht nur am schlechten Fernsehprogramm liegen", meint politisch unkorrekt Entertainer Harald Schmidt in seiner Rolle als Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Er will provozieren und so eine große Öffentlichkeit mit diesem Thema erreichen.

Die psychische Störung mit ihren vielen Facetten ist eine Volkskrankheit. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung haben mindestens einmal in ihrem Leben eine behandlungsbedürftige Depression. Diese aktuelle Zahl der Deutschen Depressionshilfe berücksichtigt allerdings ausschließlich Patienten im Altersbereich von 18 bis 65 Jahren. Doch die tückische Krankheit kennt keine Altersgrenzen. Tatsache ist sogar: Depressionen sind die häufigste psychische Erkrankung im Alter überhaupt.

Information
Besonders hellhörig sollten Angehörige und Freunde werden, wenn eine ältere Person in ihrem Umfeld folgende Symptome über längere Zeit zeigt:

  • Antriebslosigkeit
  • plötzliche und wiederkehrende Unruhe
  • Appetitlosigkeit
  • Gewichtsverlust
  • Schlaflosigkeit
  • ständige Verstopfung
  • plötzlich extreme Vergesslichkeit
  • ständige Niedergeschlagenheit und Traurigkeit
  • Schwanken der Befindlichkeit während des Tages
  • Blasenstörungen
  • Muskelverspannungen
  • Flimmern vor den Augen und Sehstörungen
  • Funktionsstörungen von Magen und Darm, Atmung und Herz/ Kreislauf
  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Gelenkbeschwerden
  • diffuse Schmerzen

Bei allen medizinischen Fortschritten hapert es dennoch oft an einer korrekten Diagnose. Das Krankheitsbild wird häufig gar nicht erkannt. Das hat viele Gründe, wie Ulrich Schmid-Furstoss, Gerontopsychiater am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld, aus seiner Praxis weiß: "Bei älteren Menschen ist die Krankheit Depression noch schamhafter besetzt als bei jüngeren. Sie ziehen sich zurück und kapseln sich ab. Dadurch kommen sie nicht zum Facharzt, und die Diagnose wird oft sehr spät gestellt."

Therapie wird dem Alter angepasst

Das ist doppelt ärgerlich, denn die gute Nachricht ist, dass Depressionen geheilt werden können - und zwar in jedem Alter. Bei reiferen Patienten bedarf es einer einfühlsameren Medikamentenverschreibung, die mögliche andere Krankheiten mitberücksichtigt, sowie einer Therapie, die dem Alter angepasst ist.

2012 ist Heinrich E. 84 Jahre alt und gehört zu den Senioren, die sich glücklich schätzen dürfen, körperlich und geistig fit zu sein. Die Malerei hat sich nach seiner Pensionierung zu einer Leidenschaft entwickelt. Er fühlt sich rundherum zufrieden, bis er eines Tages einen schweren Hörsturz erleidet. "Ich war frustriert, dass ich nicht mehr alles mitbekommen habe", erzählt der mittlerweile 86-Jährige, der durch seine körperliche Einschränkung, die sein Ehr- und Selbstwertgefühl verletzt hat, in eine schwere Depression rutschte.

"Prinzipiell kann es jeden erwischen. Es fällt nur auf, dass gerade Menschen an Depressionen erkranken, bei denen man es nie vermutet hätte, weil sie besonders aktiv sind, mitten im Leben stehen, perfektionistisch bei der Arbeit sind und scheinbar den Alltag gut meistern", berichtet Martin Driessen, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im EvKB.

Depression als Reaktion aufs Altern

Heinrich E. belastet das Gefühl, von anderen Menschen abhängig zu sein. Der mögliche Verlust seiner Selbstständigkeit kratzt stark an seinem Lebensmut. Er zieht sich in sich selbst zurück. Und das ist typisch, denn Depressionen sind oft eine psychische Reaktion auf Begleiterscheinungen des Alterns.
Chefarzt Martin Driessen aus Bielefeld.
Chefarzt Martin Driessen aus Bielefeld.

Die Lebenssituation Alter schützt in keiner Weise davor, sich auf Neues einstellen zu müssen. Der Einstieg in den letzten Lebensabschnitt, der durchaus erfüllt sein kann, ist für viele Menschen eine weitreichende Zäsur, wenige sind darauf wirklich vorbereitet. Der soziale Status ändert sich. Geistige und körperliche Leistungsfähigkeit lassen langsamer oder schneller nach. Liebe Bezugspersonen sterben, das Gefühl, gebraucht zu werden, schwindet. Wie bei jüngeren Menschen entsteht die Depression erst dann, wenn verschiedene Faktoren zusammenkommen. Da sich gerade im Alter Verlusterlebnisse, Kränkungen, Hilflosigkeit oder auch Hoffnungslosigkeit häufen, ist die Schwelle zu einer Depression aus genannten Gründen relativ niedrig.

Besonders bei Frauen weiß man, dass es sie schmerzt, wenn sie als Elternteil nicht mehr so gebraucht werden wie früher. Dadurch vereinsamen nicht wenige Mütter mit der Selbstständigkeit ihrer Kinder und wissen nichts mehr mit sich anzufangen. "Das erleben wir sehr häufig. Viele unserer älteren Patientinnen haben sich nie Zeit für sich selbst genommen. Und wenn sie dann noch mit einem gynäkologischen Problem auf unserer Station liegen, fühlen sie sich nutzlos und sogar schuldig", berichtet Chefarzt Manfred Mörtl vom Klinikum Klagenfurt, der in seiner gynäkologischen Abteilung eine Gesprächsanlaufstelle geschaffen hat, die intensiv besucht wird.

Depressive Männer nehmen sich oft das Leben

Solche und ähnliche Anlaufstellen sollten auch Männer mehr nutzen. Die Statistik zeigt, dass die Verzweiflung beim starken Geschlecht nachweislich so drückend ist, dass Betroffene oft nur den einen Ausweg sehen: sich das Leben zu nehmen.

Bevor man eine Depression behandeln kann, muss man sie erst diagnostizieren. Keine einfache Aufgabe, denn die betagte Generation ist es kaum gewohnt, über ihre Gefühle zu reden, und konzentriert sich auf körperliche Symptome. Sie klagt über Schlaflosigkeit, Probleme mit der Verdauung, Appetit- und Gewichtsverlust. Solche Beschreibungen lassen bei Fachleuten die Alarmglocken läuten. Kommen beispielsweise übermäßige Besorgnis oder generalisierte Ängste und Grübelneigung hinzu, gilt es durch ein ausführliches Gespräch, die Anamnese, herauszufiltern, wo das Problem liegt.

Die Abgrenzung zwischen körperlicher und psychischer Ursache ist dabei eine Herausforderung: "Oft führen körperliche Beschwerden den Betroffenen zum Arzt", erklärt Driessen und ergänzt: "Nach Herzerkrankungen ist das Risiko für eine Depression doppelt so hoch. Auch umgekehrt haben Menschen mit Depressionen ein höheres Risiko, dass ihr Herz erkrankt", so Driessen.

Medikamente abstimmen

"Viele ältere Patienten leiden unter Vorerkrankungen und nehmen bereits zahlreiche Medikamente. Kommt jetzt noch ein weiteres Präparat hinzu, muss dieses sehr sorgfältig ausgewählt werden. Ebenso sind alterstypische Besonderheiten wie Störungen des Sehens und Hörens oder Einschränkungen des Gedächtnisses in der Psychotherapie zu berücksichtigen", klärt Ulrich Schmid-Furstoss auf. Die Sorge, dass Antidepressiva die Botenstoffe im Gehirn beeinflussen und süchtig machen, ist unbegründet. "Auch die Vermutung, dass die Medikamente den Menschen fremdsteuern, ist falsch. Medikamente helfen bei 70 Prozent der Patienten", informiert Professor Driessen.

Ganz individuell wird eine Therapie auf den Erkrankten zugeschnitten, nur so sind die Aussichten vielversprechend. Aus der empfundenen Einsamkeit kann der Kranke durch einfühlsame Soziotherapien und die Psychotherapien in Einzel-, Paar- oder Familientherapie herausgeholt werden. Ziel ist es, durch Entspannungsverfahren und systematische Desensibilisierung die Angst alter Menschen abzubauen, schrittweise günstigere Verhaltensweisen einzuüben und so zu einer neuen Selbstsicherheit zu gelangen.

Heinrich E. hat wieder zu seinem neuen alten Leben zurückgefunden. In umfassenden Gesprächstherapien hat er wieder neuen Lebensmut gefunden und seine Leidenschaft, das Malen, neu entdeckt.

Hier gibt es Hilfe

Krisendienst der Stadt Bielefeld, Tel. (05 21) 32 99 285; Fax: (05 21) 32 99 286; www.bielefeld.de/de/gs/notfall/  

Hilfe für Selbstmordgefährdete, Tel. (05 21) 83 042, Fax: (05 21) 80 12 799  

Psychiatrische Institutsambulanz, Tel. (05 21) 77 27 85 26

Selbsthilfe-Kontaktstelle Bielefeld, www.selbsthilfe-bielefeld.de, Tel. (05 21) 96 40 696, Fax: (05 21) 96 406-97, E-Mail: selbsthilfe-bielefeld@paritaet-nrw.org