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Die Zahl der Bafög-Empfänger ist gesunken. - © Pixabay
Die Zahl der Bafög-Empfänger ist gesunken. | © Pixabay

Bielefeld Bafög: Eine Bielefelderin berichtet, warum sie lieber arbeiten geht

Sie könnte die höchste Fördersumme bekommen, stattdessen verdient sie ihr Geld fürs Studium als Krankenpflegerin. Warum Carolin L. auf Unterstützung verzichtet

Lieselotte Hasselhoff
14.08.2019 | Stand 14.08.2019, 19:28 Uhr

Bielefeld. Anspruch auf finanzielle Unterstützung hat ein Auszubildender grundsätzlich dann, wenn ihm "die für seinen Lebensunterhalt und seine Ausbildung erforderlichen Mittel anderweitig nicht zur Verfügung stehen". So steht es im Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög). Trotzdem machen längst nicht alle von diesem Recht Gebrauch. "Ich würde sogar elternunabhängiges Bafög bekommen", sagt Carolin L. (Name geändert). Weil sie nach der Schule eine Ausbildung zur Kranken- und Gesundheitspflegerin gemacht hat und schon seit mehreren Jahren berufstätig ist, hat sie Anspruch auf Unterstützung, unabhängig davon, wie viel ihre Eltern verdienen. "An der Uni wäre ich aufgeschmissen gewesen" "Ursprünglich war mal der Plan, direkt nach der Schule zu studieren." Damals habe sie nicht gewusst, wie man sich fördern lassen kann. "Ich glaube, wenn du aus einer Familie kommst, wo ein Elternteil studiert hat, dann hast du vielleicht so ein bisschen Aufklärung mitbekommen, dann hast du so eine Idee davon." Ihre Eltern seien jedoch beide keine Akademiker. "Ich muss ehrlich sagen, wäre ich damals an die Uni gegangen, wäre ich total aufgeschmissen gewesen." Für die Ausbildung hatte sie sich jedoch auch aus anderen Gründen entschieden: "Ich finde es sinnvoll, erst einmal praktisch zu wissen, was man tut, zumindest für den Bereich, in den ich gehen möchte." Inzwischen ist Carolin L. 28 Jahre alt und würde gerne Soziale Arbeit studieren. Sich das Studium durch Bafög finanzieren zu lassen, kommt für sie dennoch nicht infrage - womit sie einem deutschlandweiten Trend folgt: Seit 2012 sinkt die Zahl der Bafög-Empfänger kontinuierlich. So bekamen 2018 727.000 Schüler und Studenten finanzielle Unterstützung nach Bafög. Das sind 55.000 weniger als 2017. Zu hohe Schulden und zu wenig Geld "Die Tatsache, dass man sich für die Ausbildung erst einmal hoch verschulden muss, ist für mich total abschreckend", sagt Carolin L. "Hinterher 10.000 Euro Schulden abzahlen zu müssen - und das nicht für deine Eigentumswohnung, sondern einfach für die Ausbildung, die eigentlich für jeden Menschen selbstverständlich sein sollte." "Ich muss außerdem sagen, dass der Bafög-Satz ganz schön knapp bemessen ist", sagt Carolin L. Monatlich 735 Euro betrug bis zum 1. August der Höchstsatz. Jetzt sind es 853 Euro. Darin enthalten sind 109 Euro für die Kranken- und Pflegeversicherung sowie 325 Euro Mietpauschale. "Bisher gab es fürs Wohnen nur 250 Euro. Das ist selbst für ein WG-Zimmer ganz schön wenig", sagt Carolin L. Wohnen nach wie vor teuer Laut dem Deutschen Studentenwerk kostet ein Wohnheim-Platz für Studierende durchschnittlich 246 Euro (Stand Dezember 2017). Allerdings stehen den NRW-weit knapp 38.500 Wohnplätzen inzwischen jährlich etwa 50.000 Bewerbungen gegenüber, weshalb diejenigen, die leer ausgehen, auf den freien Wohnungsmarkt zurückgreifen müssen. Laut dem Internetportal Immowelt.de betragen die aktuellen Kaltmieten für Single-Wohnungen (also bis zu 40 Quadratmeter) im Median für Bielefeld rund 300 Euro und in Paderborn rund 280 Euro. Hinzu kommen Kosten wie Heizung und Strom. Für Carolin L. ist klar: "Natürlich ist das Bafög nicht so gestrickt, dass man davon leben kann. Man geht eben noch nebenbei arbeiten." Laut der "21. Sozialerhebung" des Deutschen Studentenwerks geht - egal ob Bafög-Empfänger oder nicht - die Mehrheit der Studierenden in Deutschland arbeiten: "In der Vorlesungszeit des Sommersemesters 2016 hatten mehr als zwei Drittel der Studierenden einen Nebenjob", heißt es in der "21. Sozialerhebung" des Deutschen Studentenwerks. Davon war mehr als die Hälfte (rund 60 Prozent) "auf eigenen Verdienst zur Bestreitung des Lebensunterhaltes angewiesen". "Für den Stress lohnt es sich nicht" "Für mich hat sich halt die Frage gestellt: Tue ich mir den Stress an, jedes Jahr einen neuen Antrag zu stellen und dann zusätzlich irgendwo einen Nebenjob zu machen oder mache ich mein Studium nebenbei und mache das dann alles so, wie ich das möchte?" Studierende können nämlich - mit Ausnahmen - nur für eine begrenzte Zeit Bafög-Leistungen beziehen - abhängig davon, wie viele Semester die Hochschule für den jeweiligen Studiengang vorgesehen hat: "Ich habe dann letztendlich entschieden, dass es für mich einfacher ist, den Job als Krankenpflegerin zu behalten, damit einfach mehr als genug Geld zu haben und mein Studium ganz entspannt anzugehen."

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