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Kontrahenten Seifen (r.) und Röckemann: „Dafür schäme ich mich fremd." - © picture alliance
Kontrahenten Seifen (r.) und Röckemann: „Dafür schäme ich mich fremd." | © picture alliance

Parteitag in Warburg NRW-AfD zerlegt sich in hitzigem Führungsstreit

Der größte AfD-Landesverband taumelt zwischen den Tiraden der rechtsnationalen „Flügel“-Anhänger und den vorgeblich „gemäßigten“ Parteigängern ins Chaos. Der Parteitag in Warburg wurde vorzeitig abgebrochen

Florian Pfitzner
07.07.2019 | Stand 09.07.2019, 10:48 Uhr

Warburg. In den Minuten bevor das höchste Organ der NRW-AfD zusammenfällt wie ein Soufflé schreien sie noch einmal wüst ihren Frust heraus. Über zehn Stunden sitzen national-völkische und selbst ernannte „gemäßigte" Parteigänger nun schon in der stickigen Warburger Stadthalle, und so langsam habe man „die Schnauze voll", keilt einer grell ins Saalmikrofon. Was man im Europawahlkampf aufgebaut habe, werde gerade „mit dem Arsch eingerissen". So sieht es die Mehrheit der Delegierten. Mit 50,22 Prozent stimmen sie für das vorzeitige Ende des Parteitags – der letzte Akt eines hitzigen Führungsstreits im größten AfD-Landesverband über den Einfluss des „Flügels" und Thüringens AfD-Chef Björn Höcke. Große Aufregung, empörtes Gegröle Auf dem Warburger Marktplatz geht es gleichzeitig heiterer zu. Über den Tag treffen sich Hunderte Menschen zu einem Bürgerfest. Man zeigt „Flagge gegen Rechts" und schwoft gemütlich in den Abend, als es bei der AfD reihenweise Rücktritte hagelt: Bis auf drei Mitglieder um den „Flügelanten" und Ko-Landesvorsitzenden Thomas Röckemann aus Minden wirft der Vorstand hin. Die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit für die Abwahl der übrigen Mitglieder Röckemann, Christian Blex und Jürgen Spenrath wird knapp verfehlt. Große Aufregung im Saal, empörtes Gegröle, Sprechchöre: „Haut ab!" Männer mit hochroten Köpfen springen von ihren Stühlen auf, einer brüllt: „Dafür schäme ich mich fremd." Statt „geschlossen aufzutreten", wie Warburgs AfD-Chef Norbert Senges gemahnt hat, verlieren viele der 500 Delegierten die Fassung. Röckemann verteidigt sich mokant und sagt, er habe „die Eier, das, was ich angefangen habe, auch durchzuziehen". Ungefähr dreißig Prozent "Flügelanten" im Saal Eigentlich spielten Röckemann und Blex im AfD-Vorstand wie in der Landtagsfraktion „überhaupt keine Rolle", behauptet Helmut Seifen zuvor gegenüber dieser Redaktion. Seifen, ein pensionierter Schulleiter aus Gronau und bis zum Parteitag gleichberechtigter AfD-Landesvorsitzender, zählt sich zu den „Gemäßigten" in der Partei. „Durch ihre Auftritte mit Höcke aber schaden sie uns." Röckemann kritisiert in Warburg, dass der Vorstand den vorgezogenen Parteitag auf das Wochenende des Kyffhäuser-Treffens des national-völkischen „Flügels" gelegt hat. Im thüringischen Leinefelde sind rund 800 Menschen zu der Rechtsaußen-Veranstaltung der Partei gekommen, unter ihnen der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland. Der Verfassungsschutz stuft den „Flügel" als „Verdachtsfall" im Bereich des Rechtsextremismus ein. Seifen schätzt die Gruppe der „Flügelanten" in der Warburger Stadthalle auf ungefähr dreißig Prozent. "Gefolgsleute landesfremder Herren" Einige von ihnen verlangen früh am Tag, Seifen „zum Wohle Deutschlands" zurückzudrängen. „Sie sind eine Schande für die AfD", schreit ein aufgebrachter Mann ins Mikro. Seifen wehrt sich, rechnet mit den Höcke-Anhängern ab, die die NRW-AfD unterwanderten. „Lassen Sie es nicht zu, dass der größte Landesverband herunterkommt zu einem Satellitenverband." Seifen fordert die Vorstandsmitglieder zu einem Neuanfang auf. In Anspielung auf seine Gegner um Röckemann wolle er diejenigen „entlarven, die ihre Strippen ziehen und sich als willfährige Gefolgsleute landesfremder Herren verdingen". Frust herrscht auch auf den Fluren. Der Landesverband sei „aus dem Tritt geraten", sagt der AfD-Bundestagsabgeordnete Kay Gottschalk, dem in Warburg ein Grußwort versagt wird. Ein gestresster Delegierter spottet über eine der Parteitagsreden: „Strömungsstreit? Chaos!"

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