In Deutschland fehlen hunderttausende Betreuungsplätze für Grundschüler. - © picture alliance / JOKER
In Deutschland fehlen hunderttausende Betreuungsplätze für Grundschüler. | © picture alliance / JOKER

Schule In NRW fehlt Betreuung für Grundschüler

Studie: Nur 44 Prozent der Kinder können in NRW nach dem Unterricht betreut werden. Es fehlt an Geld zum Ausbau und Fachkräften

Bielefeld. Mehr Tempo beim Schulausbau gefordert; offener Ganztag ist gefragt; es wird eng in der Ganztagsschule: So lauteten die Schlagzeilen diverser Lokalteile dieser Zeitung in den vergangenen Wochen, Monaten und auch Jahren. In OWL sind die Ganztagsschulen überfüllt und damit steht die Region nicht alleine da. Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigt: Bundesweit fehlen hunderttausende Plätze für die Ganztagsbetreuung von Grundschülern. „In Nordrhein-Westfalen haben 69 Prozent aller Eltern prinzipiell Bedarf an einer Ganztagsbetreuung für ihr Grundschulkind", sagt Angelika Guglhör-Rudan, die an der Studie mitgearbeitet hat. Aber nur einem Teil der Eltern gelingt es, ihre Betreuungswünsche zufriedenstellend zu erfüllen. In NRW wurden im Erhebungsjahr 2017 nur 281.942 Kinder im offenen Ganztag betreut. Das sind nur rund 44 Prozent der Kinder, die in diesem Jahr die Grundschule besucht haben. In Hamburg waren es im Vergleich mehr als 90 Prozent der Grundschüler und in Sachsen mehr als 86 Prozent. Nur in Rheinland-Pfalz (42 Prozent), Hessen (43 Prozent), Bayern (42 Prozent) und Baden-Württemberg (20 Prozent) waren es weniger als in NRW. Der Ausbaubedarf in den westdeutschen Flächenländern ist also um einiges höher. Bedarfsnot wird zunehmen An ein Ende der Bedarfsnot glauben die Autoren der Studie nicht. „Wir gehen davon aus, dass sich der ungedeckte Bedarf fortsetzt", sagt Guglhör-Rudan. Und auch Maike Finnern, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW (GEW), glaubt nicht an eine zeitnahe Besserung. „Die Studie bestätigt unsere Erfahrung und die Rückmeldungen, die wir aus der Praxis erhalten", sagt Finnern. Für die Ursachen sieht sie mehrere Gründe. Zum einen hapert es derzeit massiv am Ausbau, für den schlichtweg die Finanzierung fehlt. „Zum anderen fehlen auch Fachkräfte zur Betreuung, denn die Arbeitsbedingungen sind schwierig. Die meisten Angestellten haben nur befristete Verträge und auch die Arbeitszeiten sind nicht gerade attraktiv." Doch selbst wenn genug Personal für die Betreuung da wäre, fehlen Räume. „Wenn 2025 der gesetzliche Anspruch auf die Betreuung kommt, haben wir ein massives Problem." Bundesweit müssten bis dahin zwischen 322.000 und 665.000 neue Plätze geschaffen werden. Dafür wären laut der Studie zwischen 1,9 und 3,9 Milliarden Euro nötig. Doch der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD sieht diesen Anspruch vor, damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf leichter wird. Diese beiden Probleme sieht auch Finnern derzeit gegeben. Denn vom ersten Lebensjahr an bis zur Einschulung des Kindes gibt es den Rechtsanspruch bereits jetzt. Eltern, die diesen womöglich voll ausschöpfen haben also derzeit keinen Anspruch darauf, dass die eingeplante Betreuungszeit in der Grundschule erhalten bleibt. „Das kann unter Umständen bedeuten, dass sie trotz fortschreitenden Alters ihres Kindes die Arbeitszeit reduzieren müssen, um ihr Kind zu betreuen", sagt Finnern. Gleiche Bildungschancen sind gefährdet Doch auch die Kinder haben nach Ansicht der stellvertretenden Vorsitzenden der GEW Nachteile. „Wenn von 24 Kindern in einer Klasse 22 im Ganztag betreut werden, haben die übrigen zwei nicht dieselben sozialen Kontakte und werden womöglich ausgeschlossen." Auch die Koalition sah die gleichen Bildungschancen gefährdet und entschloss sich auch deswegen dazu, den Rechtsanspruch durchzusetzen. Daran, dass der offene Ganztag in der Grundschule prinzipiell der richtige Weg ist, glauben alle Beteiligten. Die Lösung liegt also im Schwerpunkt am zwar teuren, aber unumgänglichen Ausbau des Angebots in den Kommunen. „In diesem Zusammenhang müssen wir womöglich auch noch einmal über die Elternbeiträge sprechen", sagt Finnern. Denn die sind wie auch die Kita-Gebühren kommunal sehr unterschiedlich. Auch dafür muss zeitnah eine Lösung gefunden werden, um den gesetzlichen Anspruch der Eltern an eine Betreuung ab 2025 wirklich gewährleisten zu können.

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