Selten geworden: Eine Feldlerche (Alauda arvensis) im Grünland, hier in Hessen. - © picture alliance
Selten geworden: Eine Feldlerche (Alauda arvensis) im Grünland, hier in Hessen. | © picture alliance

Naturschutz Weltbericht: Auch in Ostwestfalen sind Tierarten vom Aussterben bedroht

Experten machen Druck - aber auch Hoffnung. Reaktionen auf den erschreckenden Bericht des Weltbiodiversitätsrates

Dirk Müller
08.05.2019 | Stand 08.05.2019, 08:54 Uhr

Bielefeld. Die gute Nachricht zuerst: Es ist noch nicht zu spät. Wenn sich beim Umgang mit Umwelt und Natur jetzt etwas ändert, lassen sich viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten noch retten. Das sagt Silvia Bender, Expertin für Biodiversität - biologische Vielfalt also - beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): "Wir haben noch Zeit, umzusteuern; es ist noch möglich." Auch die Bereitschaft dazu scheint vorhanden: Nach Ergebnissen einer Umfrage, die die Europäische Kommission jetzt vorlegte, messen die allermeisten Deutschen dem Naturschutz angesichts des Artensterbens überragende Bedeutung zu. 98 Prozent von gut 1.500 für das Eurobarometer Befragten in Deutschland sagten, es sei die Verantwortung der Menschheit, die Natur zu schützen. Jeweils 97 Prozent sagten, Biodiversität (biologische Vielfalt) sei wesentlich für den Klimaschutz und trage zu Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen bei. Und siehe da: Die Deutschen nehmen das Thema nach den vorliegenden Erkenntnissen sogar wichtiger als die EU-Bürger im Durchschnitt. Von acht Millionen Arten eine Million vom Aussterben bedroht Erhoben wurde das Meinungsbild im Dezember vergangenen Jahres, also weit bevor der Weltbiodiversitätsrat IPBES in Paris Anfang der Woche in einem globalen Bericht feststellte, dass von geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit rund eine Million vom Aussterben bedroht sind. Das macht auch vor Ostwestfalen-Lippe nicht halt. "Wir sind dabei, das Artenkapital der letzten 1.500 Jahre in ein bis zwei Generationen zu verspielen", beschreibt Karsten Otte die Entwicklung auch in unserer Region. Otte, selbst Landwirt und vorwiegend Obstbauer in Hiddenhausen, findet drastische Worte, um den Umgang mit der Natur in Ostwestfalen-Lippe zu skizzieren: "Wir sind dabei, unsere Kulturlandschaft zu entarten." Otte kämpft dagegen an, als Sprecher der Bezirkskonferenz Naturschutz in OWL ist er Teil eines breiten Bündnisses aus Umwelt- und Naturschutzverbänden in der Region. Das Artensterben findet laut Otte auf breiter Front statt: Pflanzen, Insekten, Vögel, Wirbeltiere fallen der immer stärker genormten Landschaft, dem Einsatz von Pestiziden, der Flächenversiegelung zum Opfer. Sonderstandorte, die früher konkurrenzschwachen Gewächsen eine Existenz ermöglichten, werden von ausgedehnter landwirtschaftlicher Nutzung verschlungen. Auch Silvia Bender vom BUND nennt das zunehmende Fehlen von Rückzugsräumen als eine der Hautursachen des Artensterbens. "Vögel finden keine Ruhezonen, keine Nisträume mehr." Kiebitze, Rebhühner, Braunkehlchen - Beispiele für verschwindende Arten. NABU: sofortige Kehrtwende in Agrar- und Umweltpolitik Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die  Umweltorganisation Nabu. „Das globale Artensterben ist bittere Realität - auch hier in Nordrhein-Westfalen", erklärte der Vize-Nabu-Landeschef Heinz Kowalski in Düsseldorf. So gelten rund 43 Prozent der Laufkäferarten, 52 Prozent der Wildbienen und Wespen, 55 Prozent der Schmetterlinge, 48 Prozent der Heuschrecken und 45 Prozent der Libellen in NRW als ausgestorben oder gefährdet. Damit fehle Vögeln und anderen Tieren eine wichtige Nahrungsgrundlage. In vielen Bereichen des Landes seien Vogelarten wie die Feldlerche, die Schafstelze, der Feldsperling, der Kiebitz und das Rebhuhn bereits ausgestorben oder drastisch im Bestand geschrumpft, sagt Kowalski. Ursache für diese Verluste seien vorrangig Monokulturen von Mais oder Raps und Industriegrasflächen, in denen kein Wildkraut mehr wachsen kann. Der NABU fordert von der Landesregierung eine sofortige Kehrtwende in der Agrar- und Umweltpolitik. "Damit der Bauer nicht selbst auf die rote Liste kommt!" Immer wieder wird die Landwirtschaft als einer der Hauptverursacher der schwindenden Vielfalt genannt. "Alles wird der Effizienzsteigerung untergeordnet", weiß Karsten Otte. Dabei will er jeden Ansatz von "Bauern-bashing" vermeiden: Die Gesellschaft müsse dem Landwirt ermöglichen, auf naturschonendere Art und Weise Existenz-sichernd zu wirtschaften, sagt Otte. Es brauche eine Agrarwende, "damit der Bauer nicht irgendwann selbst auf die rote Liste kommt. Denn Landwirtschaft ist letztlich auch auf eine artenreiche, intakte Natur angewiesen." Eine entscheidende Stellschraube ist für den Naturschützer die EU-Agrarreform in der kommenden Legislaturperiode. Otte sieht aber auch im Flächenverbrauch, in der rapide fortschreitenden Versiegelung immer größerer Areale, einen Treiber des Artensterbens. Otte schimpft auf die "Ignoranz der Landesregierung", die nicht einmal eine Zielvorstellung zur Begrenzung des Flächenverbrauch habe formulieren wollen. Unversöhnlich  stimmt ihn auch die Weigerung der Landesregierung, den Truppenübungsplatz Senne - laut Otte ein "Juwel der Artenvielfalt" - als Nationalpark unter besonderen Schutz zu stellen. NRW-Umweltministerin: "Lauter Weckruf" Auch die Landesregierung ließ der internationale Bericht zum Artensterben nicht unberührt. NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) sprach von einem "lauten Weckruf" und "beängstigenden Zahlen". Helfen soll erstmal eine Konferenz: Am 3. Juni lädt das NRW-Umweltministerium "alle relevanten Akteure" nach Düsseldorf, um "gemeinsam über die Ursachen des Artenschwundes zu diskutieren und erforderliche Gegenmaßnahmen zu beraten", teilte das Ministerium mit. Die Hoffnung auf ein Umsteuern hat auch Otte dennoch nicht aufgegeben. "Resignieren ist keine Alternative", sagt er. "Ein Umsteuern ist noch möglich", ist auch BUND-Expertin Silvia Bender überzeugt. Viele der Menschen, für die Naturschutz einen hohen Stellenwert habe, wüssten selbst gar nicht, was sie noch tun könnten, ist Benders Erfahrung. Darum sei beides notwendig: die Änderung politischer Rahmenbedingungen, also etwa der Abbau umweltschädlicher Subventionen - und die Einsicht, "dass wir auch unseren Konsum verändern müssen".

realisiert durch evolver group