Eher die Ausnahme? Anhänger der "Pulse-of-Europe"-Bewegung bei einer Werbeveranstaltung für die Europawahl in Berlin. - © picture-alliance
Eher die Ausnahme? Anhänger der "Pulse-of-Europe"-Bewegung bei einer Werbeveranstaltung für die Europawahl in Berlin. | © picture-alliance

Studie der Bertelsmann-Stiftung Europawahl: Etablierten Parteien droht ein Denkzettel

Europaweite Umfrage ergibt: Jeder Zehnte will sicher Rechte wählen. Wählerhaltung eher von Ablehnung als von Idenfikation gekennzeichnet.

26.04.2019 | Stand 26.04.2019, 10:00 Uhr

Berlin (AFP/dpa). Die Wähler in Europa könnten die bevorstehende Wahl zum Europäischen Parlament für einen Denkzettel an die Politik nutzen: Einer europaweiten Umfrage unter mehr als 20.000 Wahlberechtigten zufolge wollen viele Europäer ihre Wahlentscheidung weniger an der Zustimmung zu einer bestimmten Partei als an der Ablehnung anderer Parteien ausrichten. Profitieren könnten davon die extremen und europakritischen Parteien, heißt es in der Erhebung, deren Ergebnisse die Bertelsmann-Stiftung am Freitagmorgen in Berlin vorstellt. Wie aus der Untersuchung weiter hervorgeht, ist offenbar jeder zehnte wahlberechtigte Europäer nach eigenen Angaben fest entschlossen, bei der Europawahl für rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien zu stimmen. Nach den Ergebnissen der Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung liegt der Anteil dieser Wähler bei 10,3 Prozent. Auf der anderen Seite gaben immerhin 6,2 Prozent der Befragten an, sicher linksextreme oder linkspopulistische Parteien zu wählen. Anteil sicherer Grün-Wähler laut Umfrage bei 4,4 Prozent Rund 52 Prozent erklärten dagegen, sie würden ihre Stimme niemals Parteien aus diesem Spektrum geben.Zum Vergleich: Der Studie zufolge liegt der Anteil derjenigen, die in jedem Fall die Grünen wählen wollen, nur bei 4,4 Prozent. Die Anhänger der Parteien an den politischen Rändern sind der Umfrage zufolge stärker mobilisiert als jene der politischen Mitte, die derzeit "noch etwas wahlmüde" erscheine, heißt es in der Erhebung. Für die Studie wurden in zwölf europäischen Ländern 23.725 Wahlberechtigte befragt. Zwar wollen demnach gut zwei Drittel aller Befragten an der EU-Wahl teilnehmen - in Deutschland sogar fast drei Viertel der Wahlberechtigten. Antihaltung gegen Parteien Doch bei ihrer Wahlentscheidung könnten sich viele Europäer demnach von einer Antihaltung gegen Parteien leiten lassen. Im Durchschnitt aller Parteien identifizieren sich laut der Untersuchung nur etwa sechs von 100 Wahlberechtigten (6,3 Prozent) positiv mit einer Partei. Dagegen hat fast jeder Zweite (rund 49 Prozent) eine negative Parteiidentität - das heißt, er lehnt eine oder sogar mehrere Parteien vollständig ab. "Viele Bürger entscheiden sich nicht mehr für eine Partei, sondern wählen gegen solche Parteien, die sie am stärksten ablehnen", erklärte der Mitautor der Studie und Demokratieexperte der Bertelsmann Stiftung, Robert Vehrkamp. Angesichts der starken Mobilisierung europakritischer Parteien werde die Höhe der Wahlbeteiligung "für das Wahlergebnis und die Zukunft Europas entscheidend sein", erklärte der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, Aart De Geus. Europa brauche arbeitsfähige Mehrheiten im neuen europäischen Parlament: "Die Mobilisierung der überwiegend proeuropäischen Mitte ist dafür eine wichtige Voraussetzung." "Nachahmung von Populisten für Etablierte gefährlich" Die Studie zeigt nach Angaben der Autoren auch, dass sich die Populisten nur in ihrer EU-Skepsis und Demokratiekritik einig sind. In Sachfragen zeigen sich die Wähler von Links- und Rechtspopulisten demnach noch stärker gespalten als die Wähler der etablierten Parteien. Ermittelt wurden bei der Befragung auch die Werte zur Ablehnung oder Zustimmung einzelner Parteien an den politischen Rändern. Dabei kassierten die extremen und populistischen Parteien mit rund 52 Prozent die höchsten Ablehnungswerte. Gleichzeitig wiesen aber die Rechtspopulisten mit rund zehn Prozent die höchsten und auch die Linkspopulisten mit rund sechs Prozent relativ hohe Werte bei den positiven Parteiidentifikationen auf. "Die populistischen Parteien haben es in relativ kurzer Zeit geschafft, sich eine stabile Stammwählerbasis zu schaffen", hob Vehrkamp hervor. "Ihre gleichzeitig hohen Ablehnungswerte zeigen aber auch, wie gefährlich es für andere Parteien wäre, die populistischen Parteien nachzuahmen." Stattdessen sollten die etablierten proeuropäischen Parteien laut Analyse die verbreitete Ablehnung populistischer Parteien noch aktiver für eine antipopulistische Gegenmobilisierung der Wähler nutzen. .

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