Im Brandfall geht es um Sekunden. Moderne Sicherheitstechnik stellt Feuerwehren vor Herausforderungen. - © picture alliance/dpa (Symbolfoto)
Im Brandfall geht es um Sekunden. Moderne Sicherheitstechnik stellt Feuerwehren vor Herausforderungen. | © picture alliance/dpa (Symbolfoto)

Im Brandfall Wenn der Einbruchschutz zur Todesfalle wird

Immer mehr Deutsche sichern ihr Eigenheim mit massiven Türschlössern, Fenstergittern oder Panzerriegeln. Im Ernstfall stellt die Feuerwehr das vor große Probleme

Herford/Bielefeld. "Es war ein absoluter Extremfall, so etwas habe ich in meiner Laufbahn bei der Feuerwehr erst einmal erlebt", erinnert sich Olaf Horn, Leiter der Brandschutzdienststelle bei der Herforder Feuerwehr. Das Einsatzstichwort lautete "Person hinter verschlossener Tür", doch am Einsatzort wurden den Feuerwehrkameraden ihre Grenzen aufgezeigt: "Das Haus war sowohl von innen, als auch von außen so massiv gegen Einbrecher gesichert, dass es für uns schlichtweg kein Reinkommen gab. Es war absolut unmöglich, in dieses Haus zu kommen." Die Tür sei mit etlichen Sicherheitsschlössern ausgerüstet gewesen, die Fenstergläser waren schusssicher und mit Gittern verbarrikadiert. "Das war eine Festung", sagt Horn. Zum Glück ging der Fall glimpflich aus, der vermisste Wohnungseigentümer hatte keinen Unfall erlitten, sondern war schlichtweg nicht zuhause. Besorgte Nachbarn hatten die Feuerwehr alarmiert. Im Notfall wird die Kettensäge eingesetzt Der Fall, so Horn, mache jedoch deutlich: Moderne Sicherheitssysteme erschweren im Ernstfall die Arbeit der Feuerwehr: "Wir versuchen bei unseren Einsätzen natürlich, möglichst schnell Hilfe zu leisten. Und wenn wir dann mit solchen Sicherheitssystemen konfrontiert sind, wird es für uns schwer und zeitlich brenzlig." Dass die Feuerwehr, wie im beschriebenen Fall, gar nicht in die Wohnung komme, sei aber absolute Seltenheit: "Aber die Zeiten, in der wir Türen ganz einfach mit einem Dietrich öffnen konnten, sind lange vorbei." Heutzutage gebe es Aufbohrschutze, Mehrfachverriegelungen, Panzerriegel und vieles mehr. Horn: "Wir entscheiden dann im Einzelfall, ob es andere Wege gibt, ins Haus zu kommen." Im Brandfall werde aber keine Sekunde gewartet: "Wenn es brennt und zum Beispiel schon Rauch unter der Tür hervorkommt, greifen wir zum schweren Werkzeug. Dann wird die Tür mit einer Kettensäge oder mit einem Multifunktionswerkzeug geöffnet." Gewöhnliche Türöffnung immer seltener möglich Sebastian Winter, Leiter der Abteilung Gefahrenabwehr bei der Feuerwehr Paderborn, hat Verständnis für das steigende Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung. Nichtsdestotrotz komme es beinahe wöchentlich zu Einsätzen, bei denen eine gewöhnliche Türöffnung aufgrund erhöhter Sicherheitsstandards nicht möglich sei: "Dann versuchen wir den Zylinder zu ziehen oder das Schloss aufzufräsen. Das kann dann aber auch schon einmal fünf bis sechs Minuten länger dauern." Jedes zusätzliche Gerät, so Winter, koste Zeit. Zeit, die im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden kann: "Wir müssen natürlich immer auch kreativ sein. Gucken, ob wir über die Drehleiter durch Fenster in das Innere der Wohnung kommen, wenn die Tür zu massiv gesichert ist." Letztendlich, so Winter müsse aber jeder Wohnungseigentümer entscheiden, wie stark er seine Wohnung gegen Einbrecher sichern möchte. Das liege nicht im Ermessen der Feuerwehr. Denn es gehe nicht nur darum, wie schnell die Feuerwehr in die Wohnung kommt: "Wenn es brennt, müssen die Bewohner ja auch schnellstmöglich aus der Wohnung rauskommen." Zu schwer gesicherte Türen und Fenster könnten so zur Todesfalle werden: "Da gibt es zum Beispiel Panikschlösser. Die sind von außen massiv gesichert, von innen aber mit einem Handgriff zu öffnen." Im Notfall ist die Zeit knapp Johannes Zündorf ist Sprecher des Instituts der Feuerwehr NRW in Münster. Die Problematik des steigenden Einbruchsschutzes ist ihm bekannt: "Wohnungen müssen heutzutage ja gegen alles und jeden gesichert sein." Ein Feuer in der Wohnung bedeute "eine absolute Stresssituation, die die Bewohner meistens auch zum ersten Mal erleben", so Zündorf. In der verrauchten Wohnung werde dann vielleicht nicht direkt der Haustürschlüssel gefunden oder der Zahlencode vergessen: "Und wenige Atemzüge in der verrauchten Wohnung führen zur Bewusstlosigkeit." Bewohner müssten einen Mittelweg zwischen schnellen Rettungswegen und Sicherheitsmaßnahmen finden. Beide Seiten könnten nicht gleichzeitig voll befriedigt werden. Wolfgang Werner führt eine eigene Firma für Sicherheitstechnik. Einen engen Austausch mit den Feuerwehren hält er für "extrem wichtig". Es müsse an Lösungen gearbeitet werden, die trotz erhöhter Sicherheitsstandards Rettungswege zulassen. Neben Panikschlössern, so Werner, gebe es auch Feuerwehrtresore. Die seien an der Außenfassade angebracht und öffnen sich im Brandfall. Hinterlegt sind dort die notwendigen Schlüssel für die Feuerwehrleute, um ins Hausinnere zu kommen: "Aber am Ende ist es natürlich eine Kostenfrage und auch eine Sache, was der Endverbraucher will." Infobox: Die Feuerwehr Paderborn arbeitet zurzeit gemeinsam mit der Universität Paderborn an einer Forschung, inwiefern die Arbeit der Feuerwehr und Smarthome-Einrichtungen in Zukunft funktionieren können. Winter: "Vielleicht sind wir dann irgendwann soweit, dass es Rettungssysteme gibt, wo die Feuerwehr gar keine Werkzeuge mehr nutzen muss, um in die Wohnung zu gelangen."

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