Aus Bielefeld: Dr. Angelika Claußen, Europavorsitzende von IPPNW. Foto:Jonek - © Sarah Jonek
Aus Bielefeld: Dr. Angelika Claußen, Europavorsitzende von IPPNW. Foto:Jonek | © Sarah Jonek

Abrüstungs-Streit Bielefelder Ärztin warnt: „Es gibt keine harmlosen Atomwaffen“

Angelika Claußen, Europavorsitzende der Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs, erklärt warum der Streit zwischen den USA und Russland so gefährlich ist und wie sich Städte in OWL im Atomkonflikt positionieren können

Moskau/Bielefeld. Im Streit um den wichtigen Abrüstungsvertrag für atomare Mittelstreckenwaffen warnt Russland Europa und die NATO vor einer möglichen Konfrontation. Europa werde bei einer Stationierung von US-Mittelstreckenraketen zum Austragungsort des Konflikts, teilte das russische Außenministerium in Moskau mit. „Das Ende des Vertrages wird weitreichende Auswirkungen auf die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur haben." Sollten die europäischen Partner der USA an einem Erhalt des Abkommens interessiert sein, dürften sie nicht blind dem Kurs der amerikanischen Politik folgen, hieß es. Wir haben mit Angelika Claußen, Bielefelder Ärztin und Aktivistin gegen Atomwaffen, gesprochen: Frau Claußen, wie gefährlich ist der Streit um den INF-Vertrag zum Verzicht auf atomare Mittelstreckenwaffen wirklich? Angelika Claußen: Dass sich die USA und Russland dazu entschieden haben den Vertrag auszusetzen, lässt die Gefahr eines Atomkrieges steigen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass der Konflikt damit endet, dass ein Staat eine Atomwaffe wirft. So ein Schlag würde immer Folgereaktionen auf sich ziehen. Die Auswirkungen wären katastrophal. Nämlich? Claußen: Studien von ICAN, der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, die 2017 den Friedensnobelpreis bekommen hat, belegen, dass es neben Millionen unmittelbaren Toten Milliarden weitere Opfer aufgrund der Folgeschäden für das Klima geben würde. Mit jeder Atombombe, die geworfen wird, fängt der Krieg an. US-Präsident Donald Trump hat in der Vergangenheit allerdings für sogenannte kleine Atomwaffen geworben, deren Schaden überschaubar sein soll. Claußen: Die Nukleardoktrin der USA sieht die Aufrüstung in diesem Bereich vor, ja. Aber nach dieser Größenordnung wäre auch die Hiroshima-Bombe eine mit geringerer Sprengkraft gewesen. Es gibt keine harmlosen Atomwaffen, weil eine einzige immer Folgereaktionen auslöst. Die Staaten, die aktuell um den Abrüstungsvertrag streiten, argumentieren damit, dass sich die Gegenseite sowieso nicht an das Abkommen hält. Wie wichtig sind solche Verträge noch? Claußen: Die Wichtigkeit solcher Verträge nimmt zu. Völkerrechtliche Abkommen sind ein wesentlicher Beitrag zum Frieden. Woran sollten sich Länder noch gebunden fühlen, wenn nicht an Verträge? Wir können doch nicht anfangen, darüber zu diskutieren, ob es doch in Ordnung ist, Menschen zu töten? Das russische Außenministerium sagt, Europa werde bei einer Stationierung von US-Mittelstreckenraketen zum Austragungsort des Konflikts. Welche Rolle spielt Deutschland? Claußen: Eine wichtige Rolle, vor allem weil Deutschland jetzt viel dazu beitragen kann, eine Eskalation des Konflikts zu verhindern. Dafür müsste die Bundesrepublik aber abrücken von ihrer Schritt-für-Schritt-Politik und in der Abrüstungsfrage mehr Mut beweisen. Wie sollte das aussehen? Claußen: Die Bundesregierung sollte zunächst den Atomwaffenverbotsvertrag mindestens als langfristiges Ziel anerkennen. Außerdem sollten auch große OWL-Kommunen, wie Bielefeld, endlich dem weltweiten Appell der Städte zum Atomwaffenverbotsvertrag beitreten. Und dann muss Deutschland – gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien – den Dialog mit Russland suchen und sich den USA entgegenstellen. Donald Trump wird nicht ewig US-Präsident bleiben, Schon jetzt gibt es auch in Amerika oppositionelle Stimmen, die man erreichen kann. Ein Festhalten an einer Politik der Abschreckung ist der falsche Weg. Das klingt so einfach, aber Großbritannien und Russland haben nach der Affäre um die Vergiftung des Ex-Spions Skripal eine angespannte Beziehung, Europa muss den Brexit meistern und blickt bereits auf die Wahlen im Mai... Claußen: Das stimmt, aber manchmal kann auch ein gemeinsamer außenpolitischer Schritt dazu führen, dass andere Probleme überwunden werden.

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