Es gibt in OWL nur wenig Männer in der Kindertagespflege. Für Kinder hätte es aber Vorteile, wenn die Zahl steigen würde. - © picture alliance
Es gibt in OWL nur wenig Männer in der Kindertagespflege. Für Kinder hätte es aber Vorteile, wenn die Zahl steigen würde. | © picture alliance

Kinderbetreuung Frauensache? Ein Bielefelder erzählt, warum mehr Männer Tagesvater werden sollten

Tagesmütter sind für Eltern oft eine Alternative zur Kita. Männer gibt es in der Kindertagespflege aber kaum


Bielefeld. Was Sven Teigelkamp (43) macht, machen nicht viele Männer. Und trotzdem würde er es "jederzeit wieder" machen, sagt er. Denn dass die Arbeit in der Kindertagespflege Frauensache ist, findet der Bielefelder Tagesvater nicht. Im Gegenteil: Er findet, dass sich der geringe Männeranteil dringend ändern muss. Zwar weiß er, dass viele Männer  Vorurteile gegen Erziehungsberufe haben - bestätigen kann er die aber nicht. Noch dominieren  aber die weiblichen Beschäftigten in ganz Deutschland den Erziehungssektor:  85 Prozent der Angestellten in zum Beispiel Kitas oder Grundschulen in Deutschland sind weiblich. Ihr Anteil in der Kindertagespflege ist noch größer. Kaum Tagesväter in OWL-Städten In Deutschland gibt es insgesamt 44.000 Kindertagespflegepersonen, die rund 168.000 Kinder betreuen. Die Männerquote in den Einrichtungen ist länderübergreifend sehr niedrig. Nur 567 Männer arbeiteten laut Zahlen vom März 2018 in NRW als Tagesvater. Dieses Verhältnis spiegelt sich auch in OWL wieder: In Bielefeld gibt es aktuell fast 200 Tagesmütter und nur acht Tagesväter. Ähnlich sieht es in Gütersloh aus. Dort kommen auf 80 Tagesmütter vier Tagesväter. Und in Herford befindet sich unter 48 Frauen noch kein Mann. Der Grund dafür seien Vorurteile, sagt Tagesvater Sven Teigelkamp: „Ich glaube das ist noch so, dass viele das als sehr stressig empfinden und meinen, dass das ein reiner Frauenberuf ist und man nicht genug verdient", erklärt er. Das würde sich in seinem Arbeitstag aber gar nicht bestätigen. Der 43-jährige Bielefelder hat vor über einem Jahr mit seiner Kollegin Jacqueline Meyer die Großtagespflege „Glashauskids" im Stadtteil Schildesche gegründet. Zusammen kümmern sie sich jeden Tag um bis zu neun Kinder unter drei Jahren. „Meine Frau ist Tagesmutter und ich habe ihr auch mal geholfen den ganzen Alltag zu bewältigen. Das hat mich so fasziniert, dass ich dann irgendwann gesagt habe ich mache Nägel mit Köpfen und mach‘s dann auch", sagt er. Aus dem Büro in die Kinderbetreuung, ein Bielefelder erzählt Anderthalb Jahre lang hat Teigelkamp ein- bis zweimal die Woche die Qualifizierung zur Tagespflegeperson bei der AWO gemacht. Insgesamt muss jemand, der keine Erzieherausbildung gemacht hat, 160 Unterrichtsstunden absolvieren, ein polizeiliches Führungszeugnis vorweisen und Kurse zur ersten Hilfe bei Säuglingen und Kleinkindern machen. Anfangs hat Teigelkamp danach die Nachmittagsbetreuung der Tageskinder seiner Frau übernommen. Im Gespräch mit Jacqueline Meyer, die er während der Ausbildung kennen gelernt hat, wurde aber schnell klar, dass sie zusammen was Eigenes machen wollen. Morgens Frühstück machen, die Kinder dick einpacken, wenn es im Winter nach draußen geht, Mittagsessen kochen und die Kleinen danach bettfertig für den Mittagsschlaf machen – für Sven Teigelkamp ist das mittlerweile zur Routine geworden. Eintauschen möchte er das nicht mehr gegen seinen ursprünglichen Bürojob. Er würde den Schritt zumTagesvater „jederzeit wieder" machen, sagt er. Dass es Menschen gibt, die einem Mann, der allein Kleinkinder betreut, auch Vorurteile ganz anderer Art entgegenbringen, weiß auch Sven Teigelkamp. Im Alltag habe er sie aber noch nie selber erlebt. Im Gegenteil: „Wir sind sehr gut ausgelastet. Für nächstes Jahr gibt es hier keine Plätze mehr", sagt er. Zu wenig Gehalt und eigentlich "Frauensache"? Das man als Tagesvater nicht genug verdient, könne er persönlich nicht bestätigen: „Ich hab noch nie, wenn man das so sagen kann, so eine entspannte Arbeit gehabt für soviel Geld. Das ist hier für mich deutlich besser bezahlt als die ganzen Jahre, die ich vorher im Büro gearbeitet habe", sagt der ehemalige Schulsekretär. Und: „Mir macht’s auch deutlich mehr Spaß." Teigelkamp hofft, dass sich der Blick von Männern auf die Berufsperspektive Tagesvater ändert. Für die Kinder hätte das Vorteile: „Ich denke schon, dass ganz viele Kinder eine männliche Bezugsperson brauchen. Gerade in der heutigen Zeit gibt es viele, deren Eltern getrennt sind oder getrennt leben und Kinder brauchen auch eine männliche Identifikationsperson." Das bestätigt auch Bettina Konrath, Vorsitzende des Landesverbands für Kindertagespflege NRW. "Gerade für Kinder alleinerziehender Eltern können Tagesväter hilfreich sein, etwa wenn eine Vaterfigur fehlt", sagt sie. Sie findet es gut, dass Kinder durch Tagesväter nochmal einen anderen Blick auf die Dinge bekommen. Leider sei es immer noch so, dass der pädagogische Bereich in der Gesellschaft nicht hoch angesehen sei. Die Bezahlung sei meistens schlechter als in anderen Berufsfeldern. Fehlende Aufstiegschancen und Wertschätzung schrecken Männer ab "Ich glaube, dass mehr Männer den Job machen würden, wenn er besser bezahlt wäre", sagt sie. Gezielte Förderprogramme, um mehr Männer in die Kindertagespflege zu holen, gebe es nicht. „Aber vielleicht kann man in Werbeaktionen darauf hinweisen, dass es Männer in diesem Beruf gibt, und dass weitere gesucht werden", schlägt Bettina Konrath vor. Wibke Op den Akker, Pressesprecherin des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration NRW, spricht im Bezug auf die fehlenden Männer in den Betreuungseinrichtungen von „Grundhemmnissen". Verdienstmöglichkeiten, Aufstiegschancen und gesellschaftliche Anerkennung seien wichtig für das Rollenbild eines Mannes. Im Erziehungsbereich sei das schwierig. Dabei unterstützt auch das Ministerium die Sicht von Tagesvater Sven Teigelkamp: „Männer in der Kindertagespflege sind - ebenso wie in Kindertageseinrichtungen - wichtig, weil Kinder möglichst alle Facetten der Gesellschaft erleben und hierfür auch Vorbilder haben sollten. Dazu gehören Männer und Frauen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte und unterschiedlichen sozialen, kulturellen und persönlichen Hintergründen." Erziehung sei auch Männersache. Tagesväter seien für die Entwicklung von Jungen und Mädchen wichtig, weil sie neue wertvolle Impulse in die pädagogische Arbeit hineinbringen können. Bundesregierung will Kindertagespflege stärken Die Kindertagespflege ist zwar noch lange kein Männerberuf, aber: die Zahl der Tagesväter steigt langsam an. In Herford lässt sich zum Beispiel gerade der allererste Tagesvater der Stadt ausbilden. Parallel will die Bundesregierung dafür sorgen, dass die Kindertagespflege mehr Anerkennung und Akzeptanz erhält. Gerade hat sie ein Förderprogramm über 22,5 Millionen Euro beschlossen, von dem 43 Kommunen und Landkreise profitieren sollen. Und auch in NRW will man nicht untätig bleiben: „Die Landesregierung wird mit der Reform des Kinderbildungsgesetzes zum Kindergartenjahr 2020/2021 die Rahmenbedingungen der Kindertagesbetreuung insgesamt verbessern", sagt Wibke Op den Akker vom NRW-Familienministerium. Sven Teigelkamp fordert seine potenziellen Kollegen dazu auf, sich über bestehende Rollenbilder hinwegzusetzen: „Wenn man das Gefühl hat, dass man das gerne machen möchte, dann sollte man einfach den Mut dazu haben und sich das zutrauen." Sein Rat, um sich ein eigenes Bild zu machen: „Einfach mal in eine Kita reinschnuppern oder in eine Kindertagespflege".

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