Kerpen-Buir Hambacher Forst: Trotzig gegen den Tagebau

Die NRW-Landesregierung hat eine geplante Räumung der Baumhäuser im Hambacher Forst vorerst abgesagt. Die Umweltaktivisten im Wald des Widerstands bleiben aufmerksam – und ziehen alle Register.

Kerpen-Buir. Sie sind bald nur noch einen Steinwurf entfernt, die drei riesigen Braunkohlebagger des Energiekonzerns RWE. Träge nagen sich die Maschinen durch den gigantischen Tagebau Hambach. Wer an der sandigen Abbruchkante steht, kann sie rumpeln hören in dieser gespenstischen Landschaft. Mit jeder kleinen Richtungsänderung krächzen die Sirenen auf. „Nervt total, gerade nachts", sagt Sarah*, „aber ich hab mir das ja ausgesucht." Sie waren fleißig seit der letzten Räumungsaktion im Herbst, die Besetzer des jahrhundertealten Waldes im rheinischen Revier, unter dem nach Schätzungen von Energiefachleuten 1,5 Milliarden Tonnen Kohlenstoff liegen. Ob es tatsächlich „49 als Baumhäuser zu qualifizierende bauliche Anlagen" sind, wie die schwarz-gelbe Landesregierung in Düsseldorf mitgeteilt hat, scheint fraglich. Tag für Tag aber ziehen die RWE-Gegner ihre „Barrios" wieder hoch. Manches hat zuletzt für einen abermaligen Abriss gesprochen. Gemeinsam mit Mitarbeitern der Stadt Kerpen, des Kreises Düren und des Energiekonzerns durchstreifte die Polizei den noch rund 200 Hektar großen Wald zwischen Köln und Aachen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Die Landesregierung sagte die Räumung schließlich ab – vorerst. "Wir rechnen jeden Tag mit einem Einsatz" In „Oaktown" haben Sarah und ihre Rebellenfreunde ein Netz zwischen den Wipfeln ausgebreitet. So überlegten sich Polizei und RWE genau, ob sie die Hebebühnen hochfahren. „Wir rechnen jeden Tag mit einem Einsatz", sagt die Aktivistin . Und man setzt auf die inzwischen gängigen Tricks. Über einer Lichtung hängt an stramm gespannten Seilen eine Plattform in luftiger Höhe, daran der Warnhinweis: „Nicht kappen – Lebensgefahr". Der Hambacher Forst gehört RWE. Der Konzern sagt, dass die Kohleförderung die Versorgungssicherheit in Deutschland gewährleiste. Im Oktober hielt das Oberverwaltungsgericht Münster die Säge vorläufig auf, um RWE keine endgültigen Tatsachen schaffen zu lassen. Der Protest mag nicht legal sein, aber legitim In der Region schauen sie gespannt auf den Kohlegipfel im Kanzleramt. Sarah traut der Politik kaum noch, erzählt sie. Die Grünen? Findet sie nicht so richtig glaubwürdig nach der vergangenen Leitentscheidung zum rheinischen Revier. Kathrin Henneberger vom Bündnis „Ende Gelände" sieht die Klimabewegung geeint. „Wir ziehen an einem Strang", sagt sie. Mehr als 500 Menschen schlossen sich wieder dem „Waldspaziergang" an, „trotz Regen, trotz Sturm". Jetzt warte man auf die Ergebnisse der Kohlekommission und auf die Gerichtsurteile nach den Klagen des Umweltverbandes BUND. Die Klimakrise sei bereits „grausame Realität", warnt Henneberger. „Wir müssen jetzt raus aus den fossilen Energien." Nach Meinung der Besetzer gehören „Aktionen des zivilen Ungehorsams" zu den gerechten Mitteln. Ihr Protest mag nicht legal sein, erklären sie gebetsmühlenartig, legitim jedoch allemal. Angriffe gegen RWE-Mitarbeiter „Destroy RWE", steht auf einem rauchenden Ofen in einem der Barrios außerhalb des Waldes auf einem matschigen Acker: „Zerstört RWE". In einem der Zelte kaspern ein paar Jungs herum, drehen die Musik auf. Mike Krüger: „Denn wer baggert da so spät noch am Baggerloch? Das ist Bodo mit dem Bagger und der baggert noch." Es gab harte Angriffe gegen RWE-Mitarbeiter. Es flogen Steine und Molotowcocktails. Reichlich geschmacklos fiel der Protest gegen eine Razzia des „Wiesencamps" aus, bei dem die Bewohner nach Angaben der Polizei mit Urin gespritzt haben. Die Grünen und gemäßigte Umweltschützer in der Region haben sich klar abgegrenzt. Sarah tut das nicht – sie lenkt ab, sieht die Schuld beim Konzern. Ein Video, das im Internet kursiert und einen Angriff auf ein RWE-Quartier zeigt, sei möglicherweise schon älter, mutmaßt sie. „Friedlich war es hier noch nie", sagt Sarah. „Ich traue RWE alles zu." * Name von der Redaktion geändert

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