Schamhaft: Mit einem blauen Papphefter verdeckt der schweigsame Angeklagte beim Betreten des Gerichtssaals sein Gesicht. Er will nicht erkannt werden. - © Christian Mathiesen
Schamhaft: Mit einem blauen Papphefter verdeckt der schweigsame Angeklagte beim Betreten des Gerichtssaals sein Gesicht. Er will nicht erkannt werden. | © Christian Mathiesen

Prozess Pausenbrot: Warum der Angeklagte eisern schweigt

Noch immer gibt es keinen Hinweis darauf, warum Klaus O. seine Arbeitskollegen vergiften wollte

Jürgen Mahncke
11.01.2019 | Stand 11.01.2019, 11:51 Uhr |

Bielefeld. Wie soll der Vorsitzende Richter Gerhard Zimmermann im Prozess um vergiftete Pausenbrote ein gerechtes Urteil fällen? Das Leben des Angeklagten, seine Kindheit, sein Arbeitsleben, seine Ehe, Kontakte zu Freunden, Hobbys und Vorlieben – alles liegt im Dunkeln. Klaus O. schweigt beharrlich, hält zu seinen beiden Strafverteidigern noch nicht einmal sporadisch Augenkontakt, geschweige denn wechselt er ein Wort mit ihnen. Ein Kopfnicken bei Ende der Verhandlung kann schon als emotionaler Ausbruch bezeichnet werden. „Ja, er war ein komischer Kauz", ist aus der Nachbarschaft zu hören. „Er war barsch, unnahbar und in sich gekehrt", sagten geladene Arbeitskollegen vor dem Landgericht aus.

Doch damit kann die Strafkammer nur wenig anfangen. Was trieb den Mann, dem es scheinbar Vergnügen oder Genugtuung bereitete, Arbeitskollegen leiden zu sehen, ihren zunehmenden gesundheitliche Verfall zu beobachten, ohne einzugreifen? Wie will Carl-Ernst von Schönfeld, Leiter der psychiatrischen Ambulanz Bethel ein aussagekräftiges Gutachten über einen Menschen vorlegen, der sich nicht einmal durch Körpersprache oder Mimik zumindest teilweise zu erkennen gibt?

Bruder und Schwester als Zeugen

Der Vorsitzende Richter Gerhard Zimmermann hatte für den  Verhandlungstag am Donnerstag Bruder und Schwester des Angeklagten als Zeugen geladen, um Licht in die Person von Klaus O. zu bringen. Doch was zu erwarten war, tritt ein. Die Geschwister machen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Im Sommer 2018 waren sie bereits von einer Polizistin der Mordkommission verhört worden. Beide stimmen glücklicherweise zu, dass diese Aussagen vor Gericht verwertet werden dürfen. Kurzfristig wird die Beamtin, die damals die Vernehmungen führte, vorgeladen.

Er macht alles für seine Familie

Bis zu ihrem Eintreffen am Mittag wird die nächste Zeugin, die Schwägerin des Angeklagten, gehört. Ihre Schwester ist mit Klaus O. verheiratet. „Ich habe nie großartig mit ihm Kontakt gehabt. Ich kannte meinen Schwager vor der Hochzeit nur beiläufig, habe nie großartig mit ihm Kontakt gehabt. Bei der kirchlichen Trauung war unsere gesamte Familie anwesend. Die Familie meines Schwagers blieb komplett fern", erzählt die Zeugin. „Wenn ich meine Schwester besuchte, war Klaus O. meist nicht zuhause. Er war mit dem Fahrrad unterwegs, war bei der Arbeit. Er wollte keinen Kontakt haben zu mir. Aber ich hatte das Gefühl, dass es eine glückliche Ehe war. Ich dachte, er macht alles für seine Familie und wollte deswegen mit anderen nichts zu tun haben."

In einer drei Meter tiefen Höhle verkrochen

Als nächste Zeugin wird eine ehemalige Lebensgefährtin verhört. Von 1981 bis 1992 war sie mit Klaus O. befreundet, teilte mit ihm Tisch und Bett. Mit seinem Vater sei sie gut klargekommen, sagt sie aus – mit der Mutter weniger. Die sei psychisch krank gewesen sein, führte Selbstgespräche, schimpfte scheinbar grundlos und nahm viele Tabletten. „Wir hatten ein gutes Auskommen. Ich fand Klaus interessant, er war anders als die anderen. Er war kein Partygänger, las viel, konnte sich gut ausdrücken, war intelligent", erzählt die ehemalige Freundin. Er sei kein aggressiver Mensch gewesen, nie zornig. Schwierige Probleme habe er ausgesessen. Nach 10 Jahren beendete die Zeugin die Beziehung zu Klaus O. Sie sei einfach so eingeschlafen, erklärte sie vor Gericht.

Gegen Mittag trifft die Polizeibeamtin vor Gericht ein. Sie erzählt über die Inhalte der Verhöre mit den Geschwistern des Angeklagten. Beide hätten die Beziehung zu ihrem „stillen, verschlossenen, in sich gekehrten" Bruder als gut bezeichnet. Misserfolge hätten allerdings sein früheres Leben gekennzeichnet. Wenn andere Kinder draußen spielten, habe sich Klaus eine bis zu drei Meter tiefe Höhle gebaut und sich darin verkrochen. Im Boxverein wird ihm als Kind gleich ein Zahn ausgeschlagen. Die Kindheit mit der kranken Mutter sei eine große Last gewesen.

Es sind Fragmente eines aus der Bahn geratenen Lebens, die an diesem Verhandlungstag sichtbar werden.

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