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Reform: NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Foto: dpa - © Federico Gambarini
Reform: NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Foto: dpa | © Federico Gambarini

Bildung NRW führt Schulfach Wirtschaft ein

Bildung: Das zuständige FDP-Ministerium sieht einen Bedarf, Kritiker schon jetzt eine Schieflage

Florian Pfitzner
26.11.2018 | Stand 27.11.2018, 06:28 Uhr

Düsseldorf. Die nordrhein-westfälische Landesregierung wird ab dem Schuljahr 2020/21 an allen weiterführenden allgemeinbildenden Schulen das Pflichtfach „Wirtschaft" ansiedeln. Gymnasien gliedern das Fach bereits zum Schuljahr 2019/20 ein. Wirtschaft sei „ein, wenn nicht der wichtige Teil unserer Gesellschaft", sagte die NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer. Die FDP-Politikerin wolle die Schüler „bestmöglich auf ihre Zukunft und den Einstieg ins Berufsleben vorbereiten". Mit dem Schulfach Wirtschaft setzt die schwarz-gelbe Landesregierung ein Projekt aus dem Koalitionsvertrag um. Durch die Umstellung auf die neunjährige Gymnasialzeit (G9) erhalten Gymnasien in der Sekundarstufe I zusätzliche Wochenstunden in der Fächergruppe Erdkunde, Geschichte und Wirtschaft/Politik. An Realschulen soll das neue Fach Geschichte, Erdkunde und Politik ergänzen, an Hauptschulen der neue Komplex Wirtschaft und Arbeitswelt gegründet werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lehnt die Einführung des Faches Wirtschaft ab. In Zeiten rechter Gewalt sei „ein fundierter Politikunterricht nötiger denn je", betonte die GEW-Landesvorsitzende, Dorothea Schäfer. Sie äußerte die Sorge, dass gerade Politik zu den Fächern gehöre, die am häufigsten fachfremd unterrichtet werden. Wirtschaft schon jetzt wichtiger als Politik Der Verband Lehrer NRW lobte die Verankerung des Schulfachs in den Stundenplänen. Man sei eine „treibende Kraft" gewesen beim 2010 gestarteten, „sehr erfolgreichen Modellversuch ’Wirtschaft an Realschulen’", sagte die Verbandsvorsitzende Brigitte Balbach. Reinhold Hedtke, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften und Wirtschaftssoziologie in Bielefeld, saß im Beirat des Modellversuchs. Er könne „nicht erkennen, dass er erfolgreich war", sagte Hedtke. Bereits jetzt steht laut einer Studie des Wissenschaftlers für Wirtschaft deutlich mehr Unterrichtszeit zur Verfügung als für Politik. Demnach entfallen im Fach Politik/Wirtschaft des Gymnasiums 41 Prozent der obligatorischen Inhalte auf Wirtschaft und nur 32 Prozent auf Politik. An Gesamtschulen liegt das Verhältnis von Wirtschaft zu Politik bei 59 zu 26 Prozent. Die Opposition im Landtag sprach sich ebenfalls für eine tiefere politische Bildung an den nordrhein-westfälischen Schulen aus. Wenn die schwarz-gelbe Koalition „wieder einseitig auf das Rufen der Wirtschaft hört, wird sie die Fehler der Vergangenheit wiederholen", warnte die SPD-Vizefraktionschefin Eva-Maria Voigt-Küppers. „Hat sie immer noch nicht aus der G8-Misere gelernt?" Die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Sigrid Beer, kritisierte einen „tiefen Eingriff in die Stundentafel aller weiterführenden Schulen". Die Landesregierung setze auf das Primat der Wirtschaft, sagte die Abgeordnete aus Paderborn, andere Fächer würden dadurch zurückgedrängt.

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