Steht in der Kritik: Der Flyer des Sportbundes Bielefeld und der Stadt Bielefeld. - © Sportbund Bielefeld
Steht in der Kritik: Der Flyer des Sportbundes Bielefeld und der Stadt Bielefeld. | © Sportbund Bielefeld

Bielefeld Streit um Kinderkopftuch in der Werbung

Der Sportbund Bielefeld wirbt mit einem verschleierten Mädchen. Der Flyer sorgt für Entsetzen, denn Kritiker sehen in Kinderkopftüchern ein Zeichen des politischen Islams und der Unterdrückung.

Carolin Nieder-Entgelmeier
09.11.2018 | Stand 09.11.2018, 22:46 Uhr

Bielefeld. Auf einem Balanceboard rollt ein Mädchen, verhüllt mit einem islamischen Kopftuch, durch die Turnhalle. Mit diesem Foto werben der Sportbund Bielefeld und die Stadt Bielefeld für ihren kommunalen Integrationsdialog Sport. Der Flyer, der dafür wirbt, die Herausforderungen der Integration sportlich zu nehmen, sorgt in der Region aufgrund der Abbildung des Kinderkopftuchs für Entsetzen und Protest. „Die Verschleierung von Mädchen ist keine harmlose religiöse Bedeckung des Kopfes", sagt Norma Driever, Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation „Terre des Femmes" in Bielefeld. „Das islamische Kopftuch stellt eine Diskriminierung und eine gesundheitliche Gefahr dar. Die Chancen auf eine gleichberechtigte Teilnahme am gesamtgesellschaftlichen Leben werden massiv eingeschränkt. Dabei hat jedes Kind das Recht auf Kindheit." Laut Driever konditioniert die Verschleierung Mädchen in einem Ausmaß, dass sie das Kopftuch später nicht mehr ablegen können. „Wer glaubt, dass sich Mädchen freiwillig für die Verschleierung entscheiden, der irrt. Betroffene Mädchen werden von ihren Familien und der Community enorm unter Druck gesetzt." Das bestätigt auch Mehmet Ali Ölmez, Vorsitzender des Bielefelder Integrationsrats: „Bereits in der Schulen werden muslimische Mädchen aus liberalen Familien unter Druck gesetzt, weil sie kein Kopftuch tragen. Von Mädchen und Jungen." Das Kopftuch ist laut Ölmez das Symbol des politischen Islam. „Deshalb entsetzt mich die Entscheidung des Sportbundes Bielefeld, mit diesem Zeichen für ihre wichtige Arbeit zu werben." "Immer mehr Flyer mit verschleierten Mädchen und Frauen" Mit ihrer Entscheidung ist der Sportbund Bielefeld jedoch nicht allein. „Ich beobachte seit Monaten, dass Städte, Vereine oder Institutionen wie die AWO mit Fotos von Mädchen und Frauen, die Kopftücher tragen oder noch stärker verschleiert sind, Veranstaltungen, Feste oder Sprachkurse ankündigen. Besonders gern, wenn es um das Thema Integration geht." Nach Ansicht von Ölmez ist das eine gefährliche Entwicklung, die dem politischen Islam den Weg in die Mitte der Gesellschaft ebnet. „Die bunte Gesellschaft Bielefelds oder anderer Städte lassen sich auch ohne Zeichen des politischen Islams öffentlichen darstellen." Die Präventionsinitiative „Extremdagegen" engagiert sich seit Jahren gegen den politischen Islam und warnt vor Werbung mit verschleierten Mädchen. „Die Entscheidung des Sportbundes Bielefeld zeugt davon, dass sich der Verbund trotz der umfassenden gesellschaftlichen Debatte, die aktuell läuft, nicht umfassend genug mit dem Thema Kinderkopftuch auseinandergesetzt hat", moniert Initiatorin Birgit Ebel. „Es ist erschütternd, dass so viele Mitglieder unserer demokratischen Zivilgesellschaft das islamische Kopftuch ausschließlich als Modeaccessoire sehen." Nach Ansicht der Bielefelder Pädagogin fördert der Sportbund Bielefeld mit der Werbung die Unterdrückung von Mädchen und Frauen. „Durch die Zuwanderung wachsen in Deutschland sehr viel mehr Mädchen in patriarchalen Familien auf, in denen ihre Persönlichkeitsentwicklungen eingeschränkt werden. Mädchen lernen, dass sie weniger Wert sind als ihre Brüder und dürfen kaum eigene Entscheidungen treffen." Diesen Rückschritt dürfen Institutionen laut Ebel nicht noch fördern, indem sie die Zeichen des politischen Islams verharmlosen. „Das Foto soll für Partizipation werben, steht aber für das Gegenteil. Das ist ein Widerspruch in sich." "Die Folgen für die betroffenen Mädchen sind nicht abzusehen" Mit Blick auf Werbung mit verschleierten Mädchen stellt sich Gabriele Fröhler, Mitbegründerin des Bielefelder Frauennotrufs die Frage, warum in Deutschland gezielt mit der Unterdrückung von Mädchen und Frauen geworben wird, während im Iran und anderen islamischen Gesellschaften Frauen gegen den Zwang der Verschleierung kämpfen und dafür mitunter zum Tode verurteilt werden. „Unter dieser falsch verstandenen Toleranz im Namen der Weltoffenheit leiden Mädchen und Frauen, weil sie durch die Verschleierung sexualisiert werden", moniert Fröhler, die mehrere Jahre Flüchtlinge in Alphabetisierungskursen unterrichtet hat. „Die Vorstellung, dass Mädchen ein Kopftuch tragen, um ihre Reize zu verhüllen, ist pervers. Die Toleranz für diese Praxis erschüttert mich." Die Folgen für die betroffenen Mädchen sind laut Fröhler nicht absehbar. Der Sportbund Bielefeld kann die Kritik an ihrem Flyer nachvollziehen, lehnt die pauschale Kritik am Kopftuch jedoch ab. „Wir haben uns bewusst für das Foto entschieden, um zu zeigen, dass wir alle Mädchen einladen, unabhängig ihrer Kleidung oder Herkunft. Das grundsätzliche Verdammen des Kopftuchs hilft dabei nicht weiter", erklärt Geschäftsführer Karl-Wilhelm Schulze, der das Foto vom Landessportbund NRW erhalten hat. „Wir wollen das große Integrationspotenzial des Sports nutzen und vor allem Mädchen einladen, die in vielen Vereinen unterrepräsentiert sind", ergänzt Integrationsfachkraft Felix Lüppens. „Wir möchten Mädchen stärken. Das sehen wir als unsere Aufgabe an."

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