Thekengespräch: Duisburgs SPD-Chef Ralf Jäger versucht, verlorene Wähler zurückzugewinnen. - © Florian Pfitzner
Thekengespräch: Duisburgs SPD-Chef Ralf Jäger versucht, verlorene Wähler zurückzugewinnen. | © Florian Pfitzner

Thekengespräch Die SPD kämpft in Kneipen um verlorene Wähler

Pils und Politik: In Gaststätten des Ruhrgebiets, ihrer früheren Herzkammer, diskutieren Sozialdemokraten über die Große Koalition, Arbeitslosigkeit und Zuwanderung. Man geigt sich zünftig die Meinung

Florian Pfitzner

Duisburg. Sie haben über eine Stunde lang gestritten, als es hitzig wird an der Theke. "Kurz und bündig?", fragt der grauhaarige Lederjackenträger, der sich aufgefordert sieht, seinen Vortrag über Migration, Muslime und Heiko Maas abzuschließen. "Das ist ein Kneipengespräch!", grollt er, "wir haben alle Zeit der Welt." Punkt für den Herrn am Tresen. Man ist inzwischen eng zusammengerückt in der Duisburger Moltkeklause, hat die Schüchternheit abgelegt. Es gibt Pilsener in 0,2-Liter-Gläsern, an den Wänden hängen Halloween-Girlanden. Die Beiträge: leidenschaftlich, gelegentlich ausufernd, manchmal grantig. Man nimmt die SPD beim Wort Die örtliche SPD und ihr Chef Ralf Jäger haben zum "Thekengespräch" eingeladen. Mit dem Format wollen sie herausfinden, "ob unsere Antworten noch die richtigen sind auf Ihre Hoffnungen und Nöte". Die Bürger sollen den Sozen mal zünftig die Meinung geigen, "ehrlich und direkt". Ungefähr vierzig Leute sind gekommen. Man nimmt die SPD beim Wort, schimpft auf die GroKo und SPD-Chefin Andrea Nahles. "Sie reden und reden, sagen aber nichts", poltert einer der Gäste und tippt Mahmut Özdemir an die rote Krawatte. "Sie haben nicht geliefert." Özdemir, Mitglied des Bundestags, staatsmännischer Habitus, setzt zum Gegenstoß an. Man solle doch mal sehen, was die SPD-geführten Ministerien hervorgebracht hätten: Hubertus Heil und der soziale Arbeitsmarkt, Franziska Giffey und das Kita-Gesetz, Katarina Barley und die Sanktionen für straffällig gewordene Firmen, Svenja Schulze und ihre Haltung beim Diesel – wo der CSU-Minister Scheuer doch "nur herumeiert". Hartz IV und vererbte Armut In Duisburg, einer Stadt mit einer halben Million Einwohnern, sind 27.600 Menschen arbeitslos gemeldet – rund 2.000 weniger als im Vorjahresmonat. In der Moltkeklause spricht nun Jäger mit raumgreifenden Gesten über vererbte Armut im Ruhrgebiet. 150.000 staatlich geförderte Stellen? "Zu wenig", sagt er. Es sei falsch, den Menschen Hartz IV zu verschreiben und sie dann hängen zu lassen. "Wer hat'n das erfunden?", kontert ein Mann mit Strickjacke. Der Duisburger SPD-Chef galoppiert zur zweiten großen lokalen Schwierigkeit: Konflikte durch Zuwanderung. In seinem Wahlkreis leben 180.000 Menschen, im Duisburger Norden 19.000 aus Rumänien und Bulgarien, "überwiegend Roma". Mittlerweile, sagt Jäger, sei "die Integrationskraft völlig überfordert". Das erste Gespräch ist ihnen entglitten Der SPD-Politiker spricht den Zuzug der Armen auch deshalb so klar an, weil das erste Thekengespräch in der Neumühler Marktklause vorübergehend entglitten war. "Wir Deutsche haben Angst", sagte einer in jenem Bezirk, in dem die AfD bei der Bundestagswahl 29,7 Prozent der Zweitstimmen gewonnen hat. Nordrhein-Westfalen, Stammland der SPD? Das Ruhrgebiet, Herzkammer der Sozialdemokratie? Mit dieser "alten Folklore" hat der frühere SPD-Landesvorsitzende Michael Groschek nach der verlorenen Landtagswahl 2017 aufgeräumt. Im bürgerlichen Viertel Duissern fällt das Gespräch nach einer Stunde auf die AfD. Gerade ist die Partei in das 16. Landesparlament eingezogen, obwohl sie "weder ein Konzept zur Rente noch zur Arbeitslosigkeit" habe, so Jäger. Dafür überhöhe sie die Auswirkungen der Zuwanderung "in einer unerträglichen Weise". Er hat es ja aus der Nähe erlebt, der nordrhein-westfälische Innenminister Jäger stand in Verantwortung im Flüchtlingsjahr 2015. Es gehörte zu seinen Aufgaben, geflüchtete Menschen in Landeseinrichtungen unterzubringen. In einer Woche habe man 16.000 Flüchtlinge gezählt. "Wir sind jetzt bei 16.000 im Monat, bundesweit", sagt der Landtagsabgeordnete. "Lassen Sie sich nicht verrückt machen von irgendwelchen Schreihälsen."

realisiert durch evolver group