Überflutet: Eine Schaukel an einem Strand der Nordsee. Steigt der Meerespegel tatsächlich um bis zu einen Meter, dürfte sich das deutsche Küstenbild deutlich verändern. - © picture alliance
Überflutet: Eine Schaukel an einem Strand der Nordsee. Steigt der Meerespegel tatsächlich um bis zu einen Meter, dürfte sich das deutsche Küstenbild deutlich verändern. | © picture alliance

Bericht des Weltklimarats Extremwetter und Insel-Untergang: Wie wir den Klimawandel bald spüren werden

Erderwärmung: Der Anstieg der Temperatur durch den massiven CO2-Ausstoß bleibt auch für uns nicht folgenlos. Die Wetterextreme werden sich noch verschärfen, die Auswirkungen sind vielfältig

Jan Ahlers

Bielefeld. Kaum ein Thema bereitet uns immer wieder ein derart schlechtes Gewissen wie der Klimawandel. Schaffen wir es, in wenigen Generationen einen Milliarden Jahre alten Planeten nachhaltig aus dem Gleichgewicht zu bringen, ihn für Menschen vielleicht sogar unbewohnbar zu machen? Der Weltklimarat schlägt nun erneut Alarm und mahnt nachdrücklich, den CO2-Ausstoß sofort zu senken. Doch wie wird sich die Erderwärmung auf unser Leben auswirken? Im Mega-Sommer 2018 haben wir uns über tolles Wetter gefreut, während teils wenige Hundert Meter weiter der örtliche Landwirt um die finanzielle Existenz kämpfte - monatelang regnete es so gut wie nicht, und die Wetterlage hält aktuell weiter an. Verursacht wurde die Dürre von einer trägen, zu konstanten Hochdruckgebieten neigenden Wetterlage. Ein Phänomen, das uns in Zukunft viel öfter droht: Schmelzen die Eismassen an den Polkappen, steigen dort die Temperaturen in besonderem Maße. Die Folge sind niedrigere Temperaturgegensätze zwischen Polen und Äquator, der Wetterküche wird der Schwung genommen. Der Klimawandel geht ins Geld Für uns in Deutschland bedeutet das Gefahren durch Dürre, aber auch Überschwemmungen, weil Tiefdruck- und Regengebiete öfter dazu neigen werden, langsamer zu ziehen oder gar stationär zu verweilen. Das betrifft im Übrigen sogar die Energiekonzerne in unseren Breitengraden, die in der Zukunft möglicherweise mit geringeren Erträgen aus Windenergie rechnen müssen. Ob durch teurere Kartoffeln, gesalzene Strompreise oder einen auszupumpenden Keller, der ins Geld geht - der Mensch zahlt drauf. Wenn es windet, dann aber so richtig - das haben beispielsweise Ägäis-Urlauber vor wenigen Tagen erlebt. Ein "Medicane", die kleine Mittelmeer-Variante dessen, was im Atlantik als Hurrikan und im Pazifik als Taifun bekannt ist, zog über Griechenland und die Türkei. Hat er sich verirrt? Nein. Vielmehr haben ihn außergewöhnlich hohe Wassertemperaturen von 26 Grad und mehr begünstigt. Denn nicht nur die Luft, auch das Meer erwärmt sich. Die Gefahr schwerer Wirbelstürme steigt durch wärmere Gewässer, sagt etwa der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Wie viele Menschen potenziell überflutungsgefährdet leben Dann vielleicht lieber an Nord- und Ostsee urlauben? Eine gute Idee - schließlich weiß niemand so genau, wie lange das überhaupt noch möglich ist. Jahr für Jahr nimmt der steigende Meeresspiegel ein wenig Sandstrand ein, der Mensch reagiert und schüttet teils künstlich auf. Doch steigt das Wasser gemäß einiger Berechnungen bis 2100 tatsächlich um 80 bis 100 Zentimeter, helfen nur noch sogenannte Superdeiche. Spiegel Online berichtet derweil unter Berufung auf ein Papier der Bundesregierung, dass mehr als 3,2 Millionen Menschen an Nord- und Ostsee in potenzieller Überflutungsgefahr durch den Klimawandel leben. Europaweit sind es gemäß des Berichts 13 Millionen Menschen. Tatsächlich würden allein in den Niederlanden ohne Deichbau mehr als ein Drittel des Landes, das teils sogar unter dem Meeresspiegel liegt, geflutet werden. Noch schneller sollte man übrigens die Malediven bereisen, deren Atolle nichts vor dem steigenden Meerespegel schützt. Bewahrheiten sich die Prognosen, wären 80 Prozent der Inseln dem Untergang geweiht. Allerdings muss sich jeder bewusst sein, dass allein der Flug dorthin pro Person drei Tonnen CO2 "kostet". Zwei Tonnen sollte ein Mensch laut Klimaschützern jährlich maximal verbrauchen, um den Erwärmungstrend reduzieren zu können. Was der Klimawandel mit Haien macht Im Meer sind zudem viele Tiere betroffen. Haialarm auf Mallorca - die Meldungen haben in der Vergangenheit zugenommen. Hat das etwa auch etwas mit dem Klimawandel zu tun? Eher nicht, denn Haie leiden genau wie zahlreiche andere Meeresbewohner. 2015 stellten Wissenschaftler der Adelaide University fest, dass Haie Beute sogar schlechter wittern können. Der Grund: Das Meerwasser wird saurer, weil sich in ihm immer mehr CO2 als Kohlenstoff auflöst. Andere Tiere, die gerne auf unseren Tellern landen, treibt das warme, sauerstoffarme Wasser derweil aus der Nordsee in Richtung der kühleren Polarmeere. Hering und Kabeljau gehören dazu - keine rosigen Aussichten für Fischliebhaber. Das Geheimnis ums Plankton Ganz nebenbei: Dass Billionen winziger Planktonteilchen auf dem Grund der Ozeane entscheidend für die Aufnahme wesentlicher Treibhausgas-Mengen ist, weiß kaum jemand. Doch weil der Klimawandel die Durchlässigkeit der Gewässerschichten senkt, wird weniger Kohlenstoff in die Tiefe befördert und dort vom Plankton aufgenommen. Wie groß der Einfluss dieser Kohlenstoff-Reserven auf klimatische Effekte ist, ist bislang nur rudimentär erforscht. Meerwasser ist aber in der Lage, 50 Mal mehr Kohlenstoff zu speichern als die Erdatmosphäre. Warum wir in diesen Tagen erneut über den Umgang mit unserer Erde nachdenken sollten, hat der Weltklimarat IPCC im südkoreanischen Incheon verdeutlich. Er macht klar: Entweder wird sofort gehandelt, oder die kommenden Generationen haben unabsehbare Konsequenzen zu fürchten. Die Gefahren des Klimawandels ließen sich nur bei einer Begrenzung auf eine Erwärmung von 1,5 Grad bis zum Ende des 21. Jahrhunderts einschränken, meint der IPCC. Es ist ein weiterer deutlicher Weckruf vor dem nächsten UN-Klimagipfel, der im Dezember im polnischen Kattowitz stattfinden wird. Mediterranes Flair in Bielefeld? Die Erde erwärmt sich seit der Industrialisierung kontinuierlich, aber immer rascher. Etwa 1,1 Grad wärmer war das Jahr 2016 im Durchschnitt im Vergleich zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein mickriger Wert im Vergleich zu der "Worst Case"-Prognose von Klimaforschern, die bis zum Jahr 2100 mit einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von bis zu vier Grad rechnen, wenn gerade die führenden Kohlendioxid-Sünder China und USA, aber auch Indien und Russland keine weiteren Maßnahmen ergreifen - allein die vier genannten Staaten sind für 53 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Klimaexperte Mojib Latif warnt in einem WWF-Interview: "Schon zwei Grad Erderwärmung heißt, dass wir hier ein Klima hätten, dass wir seit vielen, vielen tausenden Jahren nicht mehr gehabt haben." Tritt der schlimmste Fall ein, würde die jährliche Durchschnittstemperatur in Bielefeld von 8,9 Grad auf mehr als zwölf Grad zum Jahrhundertwechsel steigen. Reicht das für mediterranes Flair? Durchaus. Das spanische Valladolid kommt derzeit gemäß Wetteraufzeichnungen auf einen Durchschnittswert von exakt zwölf Grad, in Mailand sind es  nur 11,4 Grad und in der türkischen Hauptstadt Ankara 11,7 Grad. Es klingt nach verlockenden Aussichten für Ostwestfalen, während in Teilen Spaniens, etwa in Andalusien, die erste europäische Wüste in den kommenden Jahrzehnten munter wachsen wird. Dort bohren Bauern schon jetzt hunderte Meter tief nach Grundwasser. Denn noch kennt niemand den Preis, den die Menschheit für mangelnde Nachhaltigkeit in ihrem Technologisierungs-Prozess zahlen wird.

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