NRW will den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin finanziell fördern. Vor allem vom Krankenhaus in die Praxis. - © picture alliance
NRW will den Quereinstieg in die Allgemeinmedizin finanziell fördern. Vor allem vom Krankenhaus in die Praxis. | © picture alliance

Düsseldorf/Bielefeld Kritik an Abwerbeprämien für Krankenhausärzte

Hausärztemangel: NRW will Quereinsteiger in die Allgemeinmedizin mit bis zu 
216.000 Euro fördern. Kliniken warnen vor einer Gefährdung der Patientenversorgung.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Düsseldorf/Bielefeld. Im Kampf gegen den Hausärztemangel will NRW den Quereinstieg von Krankenhausärzten in die Allgemeinmedizin finanziell fördern, um kurzfristig neue Hausärzte zu gewinnen. Die Krankenhausdirektoren sind empört darüber, dass die Fehler der Politik nun auf Kosten der Krankenhäuser in NRW gelöst werden sollen. Sie sehen die Patientenversorgung in Gefahr. Das NRW-Gesundheitsministerium, die kassenärztlichen Vereinigungen, die Ärztekammern sowie die gesetzlichen Krankenkassen in NRW sind sich einig: Der Quereinstieg von Krankenhausärzten in eine Hausarzttätigkeit soll attraktiver werden. Für einen Quereinstieg kommen nach Angaben von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) vor allem Allgemeininternisten in Frage, aber auch Fachärzte für Anästhesiologie und Chirurgie. Möglich ist die Qualifizierung in Kommunen mit bis zu 40.000 Einwohnern. 9.000 Euro Förderung pro Monat möglich „Interessierte können zwischen zwölf und 24 Monaten eine finanzielle Förderung von bis zu 9.000 Euro pro Monat erhalten", erklärt Laumann. Getragen werden die Kosten von den kassenärztlichen Vereinigungen und den Krankenkassen. Wird die Qualifizierung in einer Region absolviert, die bereits unterversorgt ist, wird die Förderung um weitere 500 Euro pro Monat erhöht. Den Beschluss bewertet der Verband der Krankenhausdirektoren Deutschlands als Abwerbeprämien für Krankenhausärzte. „Die Prämien werden für viele Krankenhäuser erhebliche personelle Einschnitte bedeuten. Wenn das bundesweit Schule macht, können sich die Kliniken in ländlichen Regionen von der Versorgung abmelden", warnt Verbandspräsident Josef Düllings, Hauptgeschäftsführer des St. Vincenz-Krankenhaus Paderborn und des St. Josephs-Krankenhaus Salzkotten. „Hier soll eine Lücke geschlossen werden, indem eine andere gerissen wird." Damit würde nicht nur die Patientenversorgung gefährdet, sondern auch die Weiterbildung in den Kliniken untergraben. „Die Versäumnisse der Politik, wie die Reduzierung der Medizin-Studienplätze, sollen nun auf Kosten der Krankenhäuser gelöst werden", ergänzt Georg Rüter, Geschäftsführer des Franziskus Hospitals Bielefeld, des Mathilden Hospitals Herford und des Sankt Vinzenz Hospitals Rheda-Wiedenbrück. „Das Ministerium verliert mit der kruden Idee seine Rolle als neutraler Sachwalter der Patienteninteressen", so Rüter, der auch Vorsitzender des „Zweckverbands freigemeinnütziger Krankenhäuser Münsterland und Ostwestfalen" mit 51 Mitgliedshäusern ist. Kommentar Prämien verlagern das Problem nur Mit dem Regierungswechsel in NRW 2017 ist der Hausärztemangel nun endlich auf der Agenda der Landesregierung. Mit der Schaffung zusätzlicher Medizin-Studienplätze, der Förderung von Niederlassungen und Anstellungen von Hausärzten in kleinen Kommunen sowie der Landarztquote im Medizinstudium hat NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann Modelle auf den Weg gebracht, die den Hausärztemangel beheben sollen. Ob diese Maßnahmen greifen, lässt sich jedoch noch lange nicht absehen. Deshalb ist es verständlich, dass die Landesregierung auch nach kurzfristigen Lösungen sucht, um die flächendeckende medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten. Der nun eingeschlagene Weg, die Lücken in der hausärztlichen Versorgung zu schließen, indem in Krankenhäusern neue Lücken gerissen werden, ist jedoch der falsche. Denn auch Krankenhäuser, insbesondere in Regionen wie OWL, haben bereits jetzt große Probleme geeignetes Personal zu finden. Im Zusammenspiel mit weiteren Personalengpässen, die die Krankenhäuser aufgrund der Abwerbeprämien befürchten, sowie überfüllter Notaufnahmen, entsteht eine Situation, die die Patientenversorgung gefährdet. In diesem Fall führt der geförderte Quereinstieg in die Allgemeinmedizin also lediglich zu einer Verschiebung des Ärztemangels und behebt das Problem nicht. Um den Hausärztemangel kurzfristig anzugehen, muss die Landesregierung neben der finanziellen Förderung Modelle entwickeln, die sich an den neuen Lebensmodellen von Nachwuchsmedizinern orientieren.

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