"Wir bleiben hier". Dieses Schild steht schon seit Jahrzehnten am Ortseingang von Keyenberg. Gebracht hat es nichts. Die ersten Bewohner sind bereits gegangen. - © dpa
"Wir bleiben hier". Dieses Schild steht schon seit Jahrzehnten am Ortseingang von Keyenberg. Gebracht hat es nichts. Die ersten Bewohner sind bereits gegangen. | © dpa

Erkelenz Dieses Dorf muss für die Braunkohle sterben. Kann man es noch retten?

Keyenberg im Rheinland muss 2023 dem Kohlebagger weichen. Aktivisten wollen das verhindern. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.

Matthias Schwarzer

Erkelenz. Eigentlich ist Keyenberg ein Dorf wie jedes andere. Direkt an der A61 hinter Mönchengladbach, etwa 30 Kilometer von der holländischen Grenze entfernt, leben rund 800 Menschen. Der ländlich gelegene Ortsteil von Erkelenz hat eine Kneipe, eine Kirche, historische Denkmäler und ein gesundes Vereinsleben. Und all das muss weg. 2023 wird der gesamte Ort abgerissen. Schon seit den Sechzigerjahren sterben im Abbaugebiet des Braunkohletagebaus Garzweiler ganze Ortschaften. Bekannt ist davon relativ wenig - für die Meschen am "großen Loch" ist die Angst vor dem Bagger allerdings Realität. Zuletzt mussten die Erkelenzer Ortsteile Borschemich und Immerath weichen. Im Januar zerstörten Bagger hier einen 130 Jahre alten Dom. Dasselbe Schicksal trifft in ein paar Jahren auch Keyenberg. Die Bewohner werden in eine Neubausiedlung umgesiedelt und sitzen bereits auf gepackten Koffern. Aktivisten wollen Keyenberg retten Bei Ingrid Schliebusch stößt all das auf großes Unverständnis. "Es kann nicht sein, dass im Jahr 2018 noch ganze Orte für Braunkohle abgerissen werden", sagt sie. "Noch schlimmer ist, dass davon kaum jemand weiß." Die 49-jährige hat eine Petition gestartet. Sie will mit gezielter Social-Media-Arbeit die Öffentlichkeit mobilisieren und fordert: Keyenberg muss bleiben. Der Aufruf richtet sich an Wirtschaftsminister Peter Altmeier - und findet große Unterstützung. Fast 6.500 Menschen haben die Petition inzwischen unterzeichnet, darunter auch viele Bewohner des betroffenen Ortes. Dabei hat Ingrid Schliebusch zu Keyenberg eigentlich gar keinen Bezug: Erst im Juni hat die Lehrerin aus dem 80 Kilometer entfernten Bonn bei einer Tagung in Berlin von den Umsiedlungen im Rheinland erfahren. Ein Bewohner des betroffenen Ortes hatte von den Machenschaften des Energieriesen RWE berichtet. "Das hat mich bewegt", sagt Schliebusch. Die Idee zur Petition entstand in Eigeninitiative - und teilte sich rasant über die sozialen Netzwerke. Mit Videos Menschen aufrütteln Auch Estrella Piechulek setzt sich für den sterbenden Ort ein. Zusammen mit weiteren Aktivisten der "Climate Reality Leaders" fährt sie Ende September nach Keyenberg um dort mehrere Videos zu drehen. Auch ihr Ziel ist, möglichst viele Menschen für das Thema in den sozialen Netzwerken zu sensibilisieren. Die ehrenamtliche Gruppe will Interviews mit betroffenen Bewohnern führen und die Videos später bei Facebook und Co. verbreiten. Dafür scheut die 31-Jährige keine Kosten und Mühen: Die Gruppe reist für ihre Arbeit sogar aus Hamburg an. "Unsere Filme sollen nicht nur die Ereignisse vor Ort dokumentieren, sondern auch ein bisschen Hoffnung verbreiten." Noch sei es nicht zu spät, die Orte zu retten. Beim Energieriesen RWE stoßen die Proteste bislang auf taube Ohren. Jahrelanges Sperren von Bewohnern in dutzenden Dörfern hat den Bagger nicht aufgehalten. Und auch das Abbaggern der Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Westrich und Berverath ist beschlossene Sache. Ein Sprecher des Unternehmens sagte nw.de im vergangenen Jahr, eine Verkleinerung des Braunkohletagebaus komme allenfalls ab 2030 in Frage. Die Hoffnung stirbt zuletzt Auch die Bewohner selbst haben nicht mehr viel Hoffnung. Die Kuckumerin Gabi Clever sagte nw.de: "Das Unternehmen ist verpflichtet, die Umsiedlung durchzuziehen. Wenn der Bagger nicht kommt, machen sie aus den Orten ein Gewerbegebiet". Etwa 30 Prozent der Einwohner haben Keyenberg bereits verlassen. Ingrid Schliebusch und Estrella Piechulek gehen dennoch mit Optimismus an die Sache: "Die Zeiten haben sich geändert", erklärt Piechulek. In der Gesellschaft habe ein Umdenken stattgefunden. Zudem könne man inzwischen über die sozialen Netzwerke deutlich mehr Menschen erreichen als noch vor ein paar Jahren. Klimaproteste am ebenfalls betroffenen Hambacher Forst schaffen es zudem immer wieder in die Medien. Warum nicht auch das Schicksal von Keyenberg? "Die Politik braucht ein klares Zeichen aus der Bevölkerung", sagt Piechulek. Dieses wolle man setzen. "Und selbst wenn Keyenberg nicht mehr zu retten ist", so Schliebusch: "Der Wahnsinn muss gestoppt werden."

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