Nur noch selten zu sehen: Die ehemalige nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat sich von der großen politischen Bühne verabschiedet. - © picture alliance
Nur noch selten zu sehen: Die ehemalige nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat sich von der großen politischen Bühne verabschiedet. | © picture alliance

Düsseldorf Das neue Leben von Hannelore Kraft

Neues Leben: 2017 wurde ihre rot-grüne Landesregierung abgewählt, seitdem sitzt die frühere 
nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) als einfache Abgeordnete im Landtag.

Florian Pfitzner

Düsseldorf. In den ersten Sitzungen des Ausschusses A16 des Düsseldorfer Landtags hat Holger Müller sie noch mit größter Verzückung aufgerufen. „Frau Abgeordnete Kraft", gurgelte der Vorsitzende in seinem rheinischen Singsang bei ihren Wortmeldungen, als wollte er sagen: So viel Glanz hatten wir selten in der Hütte. Hannelore Kraft, die frühere Ministerpräsidentin von NRW, ehemalige Chefin des größten SPD-Landesverbandes und stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei, sitzt seit zwölf Monaten im Sportausschuss des Landtags – einem rund zwanzigköpfigen Gremium, das Sportpauschalen, Ehrenamtsförderungen und marode Sportstätten auf der Tagesordnung führt. Über die Monate haben sich die Mitglieder an die prominente Verstärkung gewöhnt, und auch der Vorsitzende Müller klingt heute weniger beschwingt, wenn er die Abgeordnete Kraft aufruft. Sie greift zum Mikro und erkundigt sich nach den drei Säulen der Sportstiftung NRW. Krafts rot-grüne Landesregierung wurde im Mai 2017 abgewählt, es war eine historische Schlappe. Kraft legte sofort ihre Ämter nieder, „damit die Partei die Chance auf einen Neuanfang hat". Nach der historischen Wahlschlappe macht sie sich rar Seither hat sich Kraft rar gemacht. Man horchte auf, als die Nachricht über eine Mitgliedschaft im Aufsichtsrat des Steinkohlekonzerns RAG über die Ticker lief. Interviews lehnt sie jedoch ab, größere Auftritte genauso. Es soll nicht so wirken, als trete sie nach, sagen diejenigen, die sie lange kennen. Was sie von der „Entfesselungspolitik" der schwarz-gelben Landesregierung unter Ministerpräsident Armin Laschet hält, der ihr als Oppositionschef „Selbstverzwergung" vorwarf, könne sich jeder denken. Im Landtag sitzt sie in der letzten Reihe ihrer Fraktion. In den regierungstragenden Fraktionen sagen manche, sie hätte ihren Platz lieber räumen sollen. Einen garstigen Zwischenruf von ihr fanden sie in der FDP „peinlich". Und überhaupt, was genau habe sie als Ministerpräsidentin eigentlich hinterlassen? Der gerade neu gewählte Vorsitzende der NRW-SPD, Sebastian Hartmann, reagiert ur-sozialdemokratisch. „Die Chancen zum gesellschaftlichen Aufstieg dürfen sich nicht nach dem Geldbeutel der Eltern richten – das war der rote Faden von Hannelore Krafts Regierungshandeln", sagt er. Begonnen habe es ja schon mit der Abschaffung der Studiengebühren, dann die „Aufholjagd" bei den Kita-Plätzen und der Einstieg zur Gebührenfreiheit. Ihr Nachfolger erklärt die Folklore für beendet „Auf nach vorne" lautete das Motto neulich beim Parteitag der NRW-SPD in Bochum. Kraft sagte ab, wie schon kurz nach der Landtagswahl. Monate zuvor hatte sie die Partei noch mit hundert Prozent zur Spitzenkandidatin gewählt. Ihr Nachfolger, die Übergangslösung Michael Groschek, leitete den Neuanfang ein. Er setzte der Folklore vom sozialdemokratischen „Stammland NRW" ein Ende: „Herzkammer? Alles Pustekuchen und Selbstbetrug." Kraft hat auf so manche Privilegien verzichtet, die ihr als Ex-Regierungschefin zustehen. „Brauch ich alles nicht", sagte sie. Obwohl sie durch den Sportausschuss kaum ausgelastet sein dürfte, wünscht sie sich trotzdem eine Sekretärin. Lange nach der Wahl seien bei ihr stapelweise Briefe angekommen von Leuten, die sie noch immer für die Ministerpräsidentin gehalten hätten, sagt ein SPD-Abgeordneter. In der Fraktion "hört ihr jeder zu" In der Fraktionsführung hat sich mit Thomas Kutschaty ihr früherer Landesjustizminister durchgesetzt. Man pflegt einen guten Kontakt, unter den Mitgliedern wird sie wegen ihres landespolitischen Universalwissens geschätzt. Sie habe immer noch „Strahlkraft", sagt eine Abgeordnete. Ihr Wort habe Gewicht, „jeder hört zu, wenn sie etwas sagt". Einigen in der SPD gefiele es, wenn Kraft ihre Prominenz für die Partei einsetzen würde. „Sie ist ja nicht abgetaucht", schränkt der Landesvorsitzende Hartmann ein, im Landtag zeige sie mehr Präsenz als mancher Minister. Ihre Hintergrundrunden als Ministerpräsidenten hießen „Kraft-Raum". Mit dem Sportausschuss des Landtags scheint die 57-Jährige, die früher während des Sommerurlaubs im Sauerland regelmäßig das Sportabzeichen abgelegt hat, warm geworden zu sein. Die sportpolitische Sprecherin der Grünen, Josefine Paul, zeigt sich von Kraft überzeugt. „Von der fachlichen Expertise, die sie im Sportausschuss aufblitzen lässt, können sich einige Fachabgeordnete noch eine Scheibe abschneiden."

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