Abiturienten in NRW werden künftig nicht immer dieselbe Anzahl an Schuljahren absolviert haben. - © picture alliance / Daniel Karmann/dpa
Abiturienten in NRW werden künftig nicht immer dieselbe Anzahl an Schuljahren absolviert haben. | © picture alliance / Daniel Karmann/dpa

Regionale Politik Aus für Turbo-Abi: NRW kehrt zum neunjährigen Gymnasium zurück

Düsseldorf (dpa). Nordrhein-Westfalen kehrt zurück zum neunjährigen Gymnasium (G9). Der Landtag in Düsseldorf besiegelte abschließend mit den Stimmen der Regierungsfraktionen von CDU und FDP die Abkehr vom achtjährigen „Turbo-Abitur". Das bevölkerungsreichste Bundesland folgt mit der Rückkehr zu G9 dem Beispiel anderer Bundesländer wie Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Allerdings sind die G9-Bildungsgänge in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. In NRW startet die Umstellung zu G9 an öffentlichen Gymnasien im Schuljahr 2019/20 mit den Fünft- und Sechstklässlern. Das sind die derzeitigen Dritt- und Viertklässler an den Grundschulen. Der erste reguläre G9-Jahrgang macht dann 2027 Abitur. Schüler, die derzeit ein öffentliches Gymnasium besuchen, bleiben aber im G8-Modus. Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 SPD, Grüne und AfD enthielten sich bei der Abstimmung über das Gesetz, obwohl auch sie die Rückkehr zu G9 gutheißen. „Die Grundakzeptanz für G8 konnte nicht erreicht werden", sagte die Grünen-Abgeordnete Sigrid Beer. Die Opposition kritisiert jedoch, dass die Gymnasien in NRW eine Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 haben. Der Schulwechsel von Kindern könne komplizierter werden, wenn es kein wohnortnahes G9-Gymnasium gebe. Außerdem werde die Verantwortung bei den Schulen abgeladen. Bis Ende des Jahres können sich die Gymnasien einmalig entscheiden, ob sie bei G8 bleiben. Laut Prognose von Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) werden weniger als zehn Prozent der Gymnasien an G8 festhalten. Sie müssten dennoch die Option bekommen. „Wir wollen die Schulen, die in jahrelanger Arbeit Konzepte für G8 erarbeitet haben, nicht zu G9 zwingen", sagte Gebauer. Trotz Rückkehr kein "Weiter so wie Früher" Die Politik habe sich bei der Einführung des G8 damals dem Druck der Wirtschaftsverbände gebeugt, sagte der SPD-Bildungsexperte Jochen Ott. „Und das war ein Fehler." Auch das Argument, Deutschland habe „die ältesten Abiturienten und die jüngsten Rentner" sei falsch gewesen. Insbesondere Elternvertreter hatten eine schnelle Abkehr von G8 gefordert. Das weitere Jahr Gymnasium dürfe aber kein „Weiter so wie früher" bedeuten, sagte Ott. Die Schüler an Gymnasien müssten nun mehr Zeit für ihre Persönlichkeitsentwicklung und nicht mehr Fächer bekommen. Die neue Oberstufe müsse Möglichkeiten der beruflichen und internationalen Orientierung und des sozialen Engagements bieten. Neu ist, dass an den G9-Gymnasien die Schüler künftig am Ende der zehnten Klasse zentrale Prüfungen für die Mittlere Reife ablegen müssen. An G8-Gymnasien erwerben Schüler die Mittlere Reife wie bisher durch Versetzung in die elfte Klasse. Die zweite Fremdsprache wird wieder in Klasse 7 statt schon in Klasse 6 eingeführt. Mehrkosten für das Land Allein die Bau- und Ausstattungskosten bei der Umstellung auf das neunjährige Gymnasium werden bis 2026 auf 518 Millionen Euro geschätzt. Mit dem Start von G9 soll deshalb ein Gesetz zum Belastungsausgleich in Kraft treten, das die Kommunen entlastet. Hinzu kommen etwa 115 Millionen Euro an jährlichen Kosten für rund 2.300 zusätzliche Lehrer. Diese muss das Land tragen. In NRW gibt es insgesamt 511 öffentliche Gymnasien mit etwa 433.000 Schülern. Hinzu kommen 114 Gymnasien in freier Trägerschaft, etwa der Kirchen. Diese Schulen können frei entscheiden, ob sie G8 oder G9 wollen. Die Schulzeitverkürzung auf zwölf Jahre (G8) hatte zu jahrelangen erbitterten Diskussionen in Deutschland geführt. Mehrere Länder sind inzwischen zumindest teilweise zu G9 zurückgekehrt.

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