Schulalltag: So reibungslos wie in dieser Klasse einer Gemeinschaftsschule in NRW läuft der Unterricht nicht überall. - © picture alliance / dpa
Schulalltag: So reibungslos wie in dieser Klasse einer Gemeinschaftsschule in NRW läuft der Unterricht nicht überall. | © picture alliance / dpa

Berlin/Düsseldorf Schule als Austragungsort religiöser Konflikte

Das NRW-Schulministerium warnt Lehrer in einem Schreiben vor einem Anstieg der Gewalt, verweist dann aber auf das Neutralitätsgebot der Pädagogen

Berlin/Düsseldorf. Religiöse Spannungen, die die Weltpolitik bestimmen, entladen sich immer häufiger an deutschen Schulen. Vor allem im Ruhrgebiet und in Berlin häufen sich ausländerfeindliche Fälle ebenso wie Angriffe muslimischer Schüler auf andersgläubige Mitschüler und Lehrerinnen. Die Lehrerverbände warnen vor einer Ausweitung der Gewalt und fordern mehr Unterstützung. In Berlin wird eine jüdische Grundschülerin von muslimischen Mitschülern mit dem Tod bedroht, weil sie nicht an Allah glaubt. Der Vater macht diesen Vorfall vor wenigen Tagen öffentlich und prangert ein Problem an, dass viele Schüler und Lehrer täglich in der Schule erleben. „Es geht darum, dass Kinder aus muslimischen Elternhäusern andere Kinder verfolgen oder mobben, nur weil sie nicht an Allah glauben", erklärt der 41-Jährige. Dabei sei völlig egal, ob es sich um Christen, Juden oder Atheisten handele. Die Bildungsverbände bestätigen, dass Schule immer häufiger zum Austragungsort religiöser Konflikte wird. Vor allem in Städten mit hohem Migrationsanteil und einseitiger Sozialstruktur, erklärt der Präsident des deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger. „In den Bildungseinrichtungen spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen wider", ergänzt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marlis Tepe. NRW weist Lehrer auf das Neutralitätsgebot hin Das Schulministerium in NRW warnt die Lehrkräfte in einem Schreiben mit Blick auf die türkische Militäroffensive in Syrien sogar vor einem Anstieg gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen türkisch- und kurdischstämmigen Schülern und verweist auf eine körperliche Auseinandersetzung in einer Schule. Das Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt, verstehen viele Lehrer jedoch nicht als Warnung, sondern als Schuldzuweisung. Sie fühlen sich von ihrem Dienstherren für die religiösen Konflikte in der Schule verantwortlich gemacht. Denn ohne weitere Details zu der Gewalttat oder Hinweise für die Pädagogen weist das Ministerium die Lehrkräfte auf das Schulgesetz und das darin enthaltene Neutralitätsgebot hin. Darin heißt es unter anderem: „Die Schule ist ein Raum religiöser wie weltanschaulicher Freiheit. Schulleiter, Lehrer und Mitarbeiter nehmen ihre Aufgaben unparteilich wahr. Sie dürfen in der Schule keine politischen, religiösen oder weltanschaulichen Bekundungen abgeben, die die Neutralität des Landes gegenüber Schülern sowie Eltern oder den Schulfrieden gefährden." Die Empörung ist groß, doch ob es Anlass zur Sorge gibt, dass sich Lehrer in NRW nicht an das Neutralitätsgebot halten, lässt das Schulministerium trotz Anfrage unbeantwortet. Ebenso wie die Frage, aus welchen Gründen das Ministerium das Schreiben verschickt hat. Lehrer fordern mehr Weiterbildung und Präventionsarbeit Die Bielefelder Pädagogin Birgit Ebel weiß was es bedeutet, wenn Jugendliche religiöse Konflikte in der Schule austragen. Sie engagiert sich in ihrer Präventionsinitiative „Extrem dagegen" mit Jugendlichen gegen Extremismus und arbeitet als Gesamtschullehrerin mit einem hohen Migrationsanteil. „Viele muslimische Kinder und Jugendliche wachsen mit der Abwertung Andersgläubiger und Frauen sowie extremem Judenhass auf. Diese Indoktrination in Elternhäusern und Moscheevereinen hat große Auswirkung auf ihr Handeln", erklärt Ebel. „Deshalb weisen viele muslimische Schüler Kritik am politischen Islam oder extremistischen Positionen pauschal als Islamophobie zurück." Ebel plädiert deshalb seit langem für mehr Weiterbildungsangebote und Präventionsarbeit. „Religiöser Extremismus ist ein Thema, das die Medien beherrscht und muss deshalb zwingend auch in der Schule thematisiert werden", sagt Ebel. Es reiche nicht aus, dass sich Schulen mit dem Label „Schule ohne Rassismus" schmücken, aber Probleme wie Islamismus dabei einfach ausklammern. „Das ist brandgefährlich."

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